Da lernten auch die Pfaffen das Arbeiten

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Beschreibung des Hutterischen Lebens um 1570 in Mähren

(aus der Chronik der Hutterischen Brüder, ab S 332)

Also wohneten sie im Land, welches ihnen Gott sonderlich verordnet und fürgesehen hätte. Es wurden ihnen Flügel gegeben von dem großen Adler, daß sie allda hinflügen an ihr Ort, so ihnen von Gott bereit war, ernähret und erbauen wurden daselbst, so lang es Gott gefallet.

Darum versammelten sie sich in Fried und Einigkeit, lehrten und predigten das Evangelium und Wort Gottes öffentlich; all Wochen zweimal und etwa öfter hielt man solch Versammlung zum Wort Gottes. Im selben tät man auch gemeine einhellige Gebet zu Gott für alle Not der Gemein und herrliche Danksagung alles Guten halb, so sie genossen. Desgleichen Fürbitt für Kaiser, König, Fürsten und weltlichen Gewalt, daß ihnen Gott ihr befohlen Amt geb zu bedenken, auch recht zu führen zum Schutz der Frommen und friedlicher Regierung. Daneben brauchet man den christlichen Bann mit den Lasterhaftigen, so sich in der Gemein erfunden, täts hinaus, sünderts ab und strafet nach eines Jeden Beschuldigung, nahm wieder herein, handlet und schloß ein, die rechte Buß bewiesen.

Man führet den christlichen Tauf nach des Herren und der Apostel Befehl und Brauch mit den Erwachsenen und Verständigen, die das Wort Gottes hören, selbst verstehn, selbst glauben und selbst annehmen könnten, dem der Kindstauf in allen Dingen zuwider ist und überzwerch.

Man versammlet sich miteinander und hielten des Herren Abendmahl zu der Erinnerung und wieder erfrischenden heiligen Gedächtnis des Leidens und Sterbens Jesu Christi, der uns, die wir sonst verloren waren, durch seinen Tod erlöst, wiederbracht und gleich gesinnet auch zu Gliedern seines Leibs gemacht hat; ja zu einem Fest der Danksagung seiner Lieb und unaussprechlichen Guttat, was er um unsertwillen getan und was wir um seinetwillen Danks halben wiederum tun sollen. Wider welches Abendmahl des Herren ist das abgöttisch Sakrament der Pfaffen.

Man hielt christliche Gemeinschaft der Güter, wie Christus gelehrt, gehalten mit seinen Jüngern und die erst apostolisch Kirch auch getan hat; der andern dorft sich keiner herzu tun. Die vorhin arm oder reich gewesen, hätten jetzt einen Säckel, ein Haus und einen Tisch miteinander, doch Gesund wie Gesunde, Kranke wie Kranke, Kinder wie Kinder.

Es wurden die Schwert und Spieß zu Rebmessern, Sageisen und andern nutzlichen Gebrauch verschmiedet und angewendet. Da war kein Büchsen, Prächsen, Helleparten, noch einig Waffen, so zur Wehr gemacht ist, nimmer verhanden, durchaus einer des andern Bruder und ganz ein friedsams Volk, das zu keim Krieg oder Bluthandel nindert half mit Steuer, viel weniger mit Handanlegen, kein Rach brauchet; Geduld war ihr Gewehr für allen Streit.

Der weltlichen Obrigkeit war man untertänig und gehorsam zu guten Werken, was nicht wider Gott, widern Glauben oder Gewissen war. Gab ihnen ihr Gebühr, jährlich Gefäll, Zins, Zehent, Zoll und Maut, leisteten ihnen Robott und Dienst, gaben ihnen ihr Ehr, wie sie denn in Ehren zu halten ist von wegen ihres von Gott geordneten Amts, das in dieser argen Welt so wohl von Nöten ist als das täglich Brot. In Summa, alle zwölf Artikel des christlichen apostolischen Glaubens wurden bekennt und handgehabt, und was in heiliger Schrift gegründet ist.

Man richtet aus die christliche Sendung, davon der Herr befehlicht und sagt: „Wie mich mein Vater gesendt hat, also send ich euch. Item: „Ich hab euch erwählet und gesetzt, daß ihr hingehnt und Frucht bringet. Darum schickt man jährlich aus in die Land, da man Ursach hätt, Diener des Evangelii und ihre Gehilfen, die besuchten die, so ihr Leben bessern wollten, nach der Wahrheit eiferten und fragten; dieselben führt man heraus bei Tag und Nacht nach ihrem Begehren, unangesehen Schergen und Henker, und daß Viele ihre Hals, Leib und Leben darum mußten lassen und feil tragen.Versammelten also des Herren Volk, wie den guten Hirten gebührt. Da hielt man Ausgang und Absünderung von der Welt und ihrem bösen, ungerechten Leben, sonderlich auch Meidung der falschen Propheten und falschen Brüder (2. Kor. 5; 2. John. 1).

Da höret man kein Fluchen noch Gott schänden, ohne welches die Welt nicht reden kann. Da war kein Eidschwören noch Angeloben, da sah man nimmer keinen Tanz, kein Spielen, kein Saufen noch Zutrinken. Da macht man nicht mehr zerhauene, zerschnittene, stolze oder unmäßige Kleider; das Alles war abgestellt. Da war kein Gesang der schändlichen Hurenlieder, des die Welt voll ist, sonder christliche und geistliche, auch biblische Geschichtelieder.

Die Stätt waren besetzt mit Ältesten, besondere Männer, die das Wort Gottes führten, mit Lesen, Lehren und Ermahnen anhielten, mit denselbigen allein umgingen, das Amt der Versöhnung übten, richteten und schlichteten die zutragend Fäll und Übersehen.

Sondere verordnete Männer waren, die der zeitlichen Haushaltung vorstunden, Empfang und Ausgab verrichteten, um Nahrungs Notdurft sorgten, bestellten und einkauften.

Sondere Männer waren, die das Volk überall zur Arbeit ordneten und anschickten, jedes zu dem, was es könnt und wohl vermocht, zu Feld und wo es Not tat; das waren die Weinzierl.

Sondere Männer waren, die zu Tisch dienten, da ging man mit Gebet und Danksagung Gottes zum Essen, mit Danksagung wieder davon zur Arbeit; mit Danksagung und Gebet ging man abends zu Bett und mit Danksagung und Gebet morgens wieder davon, jeder an sein Werk.

Sondere Männer waren der Schul fürgestellt, die Kinderzucht mit den Schwestern zu handhaben und in allweg zu versehen.

Es war da kein Wucherer, kein Kramer, sonder redlicher Verdienst, man nähret sich mit täglicher Handarbeit, mit aller Hauern- und Bauernarbeit, zu Weingart, zu Acker, zu Feld, Wiesen und Gärten. Man hat nicht wenig Zimmerleut und Bauleut, die sonderlich in Mähren, auch Österreich, Hungern und in Böheim gelangend, gar viel schöner, tauglicher und tapferer Mühlgebäu, Brauhäuser und andere Gebäu um billigen Lohn machten den Landherren, Edelleut, Bürgern und andern Leuten. Dazu auch ein sonderer, gestellter Bruder und Baumann war, der die Zimmerleut allenthalben anordnet, Arbeit aufnahm, dinget und Berednis machet mit den Leuten anstatt seiner Brüder und der Gemein.

Auch hätt man nicht wenig Müller und viel Mühlen im Land von den Herren und andern nach ihrem Bitt und Begehren angenommen und bestanden, zu versehen, was das Mahlwerk betrifft, in einer billigen Verdingnis ums dritt, ums viert Teil, wies landbräuchig und billig war. Dazu auch ein sonderer

Mann oder Bruder war bestellt, ein Müller, der solche Mühlwerk anstatt der Gemein und mit Rat der Ältesten aufnahm, die Berednis und Geding machet mit den Mühlherren und die Müller allenthalben anordnet und schauet, daß die Mühlen besetzt und versehen werden. Auch versah man gar viel Landherren (sonderlich unter denen wir wohnten) und Edelleuten ihre Märhöf und sonst Wirtschaften mit unserm Volk lange Zeit, etlich ums dritt, etlich um ein Lohn, wies zu beiden Teilen billig erkennt und angenommen ward. Dazu war auch etwan ein Bruder verordnet, der auf der Herren Bitt und oft lang Begehren anstatt der Gemein solch Meierschaften aufnahm, was man trauet und vermocht zu versehen; dessenhalb machet er die Berednis und aufrichtig Geding mit dem Herren und sah zu, daß die Meierhöf demnach besetzt wären und versorget hin und wieder mit notdürftigen Personen.

In Summa, da war Keiner, der müßig ging, es tat Jedes etwas, was ihm befohlen war, und was es vermocht und konnt, und war er vorhin gewesen edel, reich oder arm. Da lernten auch die Pfaffen arbeiten und werken, welche herzu kamen.

Man hätt auch sonst allerlei andere ehrliche, nutzliche Handwerk, als da waren Mauerer, Hufschmied, Sengsenschmied, Sichelschmied, Kupferschmied, Schlosser, Uhrmacher, Messerer, Klampferer, Rotgärber, Weißgärber, Kürschner, Schuester, Sattler, Riemer, Säckler, Wagner, Binder, Tischler, Drechsler, Hueter, Tuechmacher, Tuechscherer, Schneider, Kotzenmacher, Weber, Seiler, Sieber, Glaser, Hafner, Bierbräuer, Bader, Balbierer und Ärzt. Und solche Handwerk hat jedes in seiner Werkstatt allweg einen, der ihm vorstund, die Arbeit einnahm, anrichtet, wieder ausgab, nach seinem Wert verkaufet und der Gemein dasselbig treulich zustellet.

Die Alle, wo sie hin und wieder waren, arbeiteten zu gemeinem und gleichen Nutz, Not, Hilf und Handreichung, wo eins des andern bedürft. Das war nicht anderst als ein vollkommener Leib, der alle wirkliche, lebendige Glieder hat und braucht einander zu Dienst.

Wie ein künstlich Werk einer Uhr, da je ein Rad und ein Stuck das ander treibt, fürdert, forthilft und gehn macht zu dem, darob sie dasteht; ja wie ein Versammlung des nutzlichen Tierleins der Bienen in ihrem gemeinen Korb, die zusammen arbeiten, ein Teil Wachs, ein Teil Honig, ein Teil Wasser zutragen und herbringen, andere sonst arbeiten, bis sie ihr köstlichs Werk des süßen Honigs ausrichten, nicht allein so viel sie bedürfen zu ihrer Nahrung, Aufenthalt und Notdurft, sonder auch, daß sie mitzuteilen haben den Menschen und Leuten zu ihrem Nutz und Gebrauch. Also war es auch da.

Das also in diesen und allen andern Dingen ein Ordnung mußt geführt werden. Denn in guter Ordnung besteht ein Ding und mag damit ausgeführt und erhalten werden, sonderlich im Haus Gottes, da der Herr selbst Werkmeister und ordentlicher Anrichter ist. Wo aber nicht Ordnung ist, da ist Unordnung, zerrütts Wesen, dabei Gott nicht wohnet, und die Sach bald zu Trümmern geht.

Neben dem ist die Gemein allenthalben bekannt und offenbar wurden, einsteils durch die, so hin und wieder gefangen lagen, um der Zeugnis Jesu Christi und seiner Wahrheit willen, Diener und andre Brüder, von denen man ihres Glaubens Grund (wie in diesem Buch viel gefunden wird) mit Fleiß erkundigt und erfuhr, in viel Weg, und das an sehr viel Orten deutsches Lands, da allenthalben Brüder gefangen gelegen sein oft lang Zeit, die durch Wort und Werk, Leben und Tod bezeugt haben, daß ihr Glauben die Wahrheit sei.

Zum andern Teil ist auch die Gemein zum guten Teil bei Kaiser, König, Fürsten, Herren und an ihren Höfen, doch sonderlich allenthalben in deutschen Landen bekannt wurden, ihr Religion, ihr Tun, Lehr und Leben, was sie glaubt und hält. Weil Fürsten, Herren, Edel und Unedel und die an Kaisers, Königs und fürstlichen Höfen waren, vielmals selbst solches alles besahen und erkundigten, auch sonst eigentlich erfuhren der Gemein Unschuld und daß es nicht also war, wie man oft davon Arges saget und lug.

Also, daß es Viele überzeuget und lobten für ein fromm Volk und daß es ein Anrichten Gottes müßt sein, es war sonst nicht möglich, daß also Viel einig beieinander wohnen sollten, nachdem bei ihnen, wo nur zwei, drei, vier beieinander Hausen, täglich zu Haar liegen und zu Unfrieden, bis sie voneinander laufen.

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