Das Evangelium des Paulus

paulus

Im ersten Korintherbrief, nachdem er einige praktische Themen zum Gemeindeleben klären und erläutern musste, geht er auf die Grundlagen des Glaubens ein – so scheint es jedenfalls, wenn man die ersten Verse des 15. Kapitels liest:

1.Kor 15:1-4 Ich tue euch aber kund, Brüder, das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in welchem ihr auch stehet, durch welches ihr auch errettet werdet (wenn ihr an dem Worte festhaltet, das ich euch verkündigt habe), es sei denn, daß ihr vergeblich geglaubt habt. Denn ich habe euch zuerst überliefert, was ich auch empfangen habe: daß Christus für unsere Sünden gestorben ist, nach den Schriften; und daß er begraben wurde, und daß er auferweckt worden ist am dritten Tage, nach den Schriften; (Eberfelder 1905)

Nur so viel zum Zusammenhang: Paulus geht es weniger darum, jetzt das Evangelium darzulegen, sondern ein weiteres Problem in Korinth anzusprechen: Einige sagten nämlich, es gebe keine Auferstehung. Um dieser Irrlehre willen erinnert Paulus die Gemeinde daran, was er ihnen als Evangelium verkündet hatte.

1.Kor 15:11-2 Sei ich es nun, seien es jene, also predigen wir, und also habt ihr geglaubt. Wenn aber Christus gepredigt wird, daß er aus den Toten auferweckt sei, wie sagen etliche unter euch, daß es keine Auferstehung der Toten gebe?

Was Paulus als Evangelium verkündigte deckt sich mit der Verkündigung aller anderen Zeugen der Auferstehung, die er in diese Zusammenhang nennt. Mit dieser Einleitung will er der Irrlehre begegnen, es gebe keine Auferstehung. Aus diesem Zusammenhang schließe ich, dass es Paulus in diesen Versen nicht um eine umfassende Darlegung des Evangeliums ging, sondern um einen Schwerpunkt daraus, der das anstehende Problem direkt anspricht. Ich bringe etwas später Beispiele, um diese Behauptung zu untermauern.

Bedingte Errettung – Glauben festhalten ist heilsnotwendig

Paulus schreibt, dass die Korinther das von ihm verkündigte Evangelium angenommen haben. Den ganzen Brief über spricht er sie dementsprechend als Geheiligte und Geisterfüllte an, die an keiner Gnadengabe Mangel haben, obwohl sie sich so offensichtlich fleischlich benommen haben, Unzucht und Irrlehren hinnahmen. Das ist wichtig, weil viele an eine unbedingte Heilsgewissheit glauben, demgemäß niemand verloren gehen kann, der das Evangelium einmal im Glauben angenommen hat. So beschreibt Paulus nun die Korinther in diesem Text:

… Brüder, [die ihr] das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, … auch angenommen habt, in welchem ihr auch stehet …

Die Korinther haben das Evangelium angenommen und stehen darin. Das zieht Paulus mit keiner Silbe in Zweifel. Sie sind also als Errettete zu bezeichnen, wenn wir den vergangenen Aspekt der Errettung hervorheben wollen (der dem Auszug aus Ägypten entspricht, vgl. 1.Kor 10:1ff). Paulus spricht nun aber von der Errettung im zukünftigen Sinn, und zwar in einem Bedingungssatz:

… durch welches ihr auch errettet werdet (wenn ihr an dem Worte festhaltet, das ich euch verkündigt habe), es sei denn, daß ihr vergeblich geglaubt habt.

Paulus macht klar, dass ein anfänglicher Glaube, so gut, echt und aufrichtig er gewesen sein mag, vergeblich gewesen sein kann, wenn er nicht bis zum Ende festgehalten wird. Wer vom verkündeten Wort abweicht, der wird nicht errettet werden. Das bezieht sich hier ganz konkret auf den Glauben an die Auferstehung.

1.Kor 15:13-14 Wenn es aber keine Auferstehung der Toten gibt, so ist auch Christus nicht auferweckt; wenn aber Christus nicht auferweckt ist, so ist also auch unsere Predigt vergeblich, aber auch euer Glaube vergeblich.

Das Wort, das euch verkündigt wurde

Besondere Bedeutung kommt in der Einleitung des Paulus dem Wort zu. Wie ist das zu verstehen? Das Wort, das Paulus verwendet ist λόγος. Die Bedeutungsvielfalt von Logos ist sehr groß – was es am Wenigsten bedeutet ist ein bestimmter Wortlaut. Was also nicht geht ist zu sagen, die Worte aus 1.Kor 15:1-4 seien der bestimmte, konkrete, gar vollständige Wortlaut des Evangeliums. Vielmehr umfasst λόγος Begriffe wie den Gedanken, den Inhalt eines Themas, die Weisheit, den Gehalt, die Vernunft, den Kern, das Wesen einer Sache, die Begründung und dergleichen; vor allem im christlichen Gebrauch, den Johannes sicher nicht selbst erfunden hat, meint λόγος das fleischgewordene Wort Gottes, den Herrn Jesus Christus.

Wir müssen also an dem Wort festhalten, das uns verkündet wurde. Was ist dieses Wort? Christus, denn Er ist der Gegenstand der Verkündigung, das Reich Gottes – Ihm untergeordnet – denn Er ist der König dieses Reiches. In diesem speziellen Fall hebt Paulus jedoch Tod und Auferstehung hervor. Daraus zu schließen, das sei das ganze Evangelium, wird jedoch dem λόγος keinesfalls gerecht:

Denn ich habe euch zuerst überliefert, was ich auch empfangen habe: daß Christus für unsere Sünden gestorben ist, nach den Schriften; und daß er begraben wurde, und daß er auferweckt worden ist am dritten Tage, nach den Schriften;

Vor allem der Bezug zu den Schriften des Alten Bundes macht klar, dass Paulus mehr sagte in der Verkündigung als diese wenigen Worte. In den Schriften sind Tod und Auferstehung des Herrn mit mehreren Themen verbunden. Einige Beispiele:

Sündopfer

Jes 53:5+10 doch um unserer Übertretungen willen war er verwundet, um unserer Missetaten willen zerschlagen. Die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm, und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden. … Wenn seine Seele das Schuldopfer gestellt haben wird, so wird er Samen sehen, er wird seine Tage verlängern; und das Wohlgefallen Jahwes wird in seiner Hand gedeihen.

Unterweisung in der Gerechtigkeit

Jes 53:11 Von der Mühsal seiner Seele wird er Frucht sehen und sich sättigen. Durch seine Erkenntnis wird mein gerechter Knecht die Vielen zur Gerechtigkeit weisen, und ihre Missetaten wird er auf sich laden.

Bekehrung der Nationen

Ps 22:27 Es werden eingedenk werden und zu Jahwe umkehren alle Enden der Erde; und vor dir werden niederfallen alle Geschlechter der Nationen.

Königsherrschaft Gottes

Ps 22:28 Denn Jahwes ist das Reich, und unter den Nationen herrscht er.

Wenn Paulus also von Tod und Auferstehung des Christus gemäß der Schriften redet, dann sind all diese und andere Themen damit untrennbar verbunden. Um das zu unterstreichen, will ich ein paar andere Evangeliumszusammenfassungen von Paulus streifen:

Römerbrief

Im Römerbrief gibt Paulus gleich im Rahmen seiner Vorstellung einen Eindruck davon, wie Er den Herrn Jesus Christus verkündigt:

Röm 1:1-6 Paulus, Knecht Jesu Christi, berufener Apostel, abgesondert zum Evangelium Gottes (welches er durch seine Propheten in heiligen Schriften zuvor verheißen hat), über seinen Sohn, (der aus dem Samen Davids gekommen ist dem Fleische nach, und als Sohn Gottes in Kraft erwiesen dem Geiste der Heiligkeit nach durch Toten-Auferstehung) Jesum Christum, unseren Herrn, (durch welchen wir Gnade und Apostelamt empfangen haben für seinen Namen zum Glaubensgehorsam unter allen Nationen, unter welchen auch ihr seid, Berufene Jesu Christi).

Wie in 1.Kor 15:3+4 beruft sich Paulus auf die Schriften. Die Auferstehung ist auch hier zentral, denn mit der Auferweckung wurde Jesus vom Vater als Herrn und Christus bestätigt (Apg 2:36) und mit der Himmelfahrt setzte Er sich zur Rechten Gottes, um das Reich zu empfangen (Ps 110:1-7, Dan 7:13-14). Darum hebt Paulus hier Jesu Abstammung von David hervor, durch die Sein Königsanspruch begründet ist (Luk 1:32-33), wobei die Schriften klar machen, dass dieser Herrschaftsanspruch weltweit gilt und nicht auf die Juden beschränkt ist. Aufgrund dieses Königtums wird von den Nationen zweierlei gefordert: Glaube und Gehorsam. Glaube deshalb, weil das Königreich derzeit nur unsichtbar in der Gemeinde Gottes verwirklicht wird, Gehorsam deshalb, weil es die angemessene und logische Haltung gegenüber dem als König gesalbten Herrn Jesus, dem Christus, ist (Ps 2:1-12).

  1. Korintherbrief

Im zweiten Korintherbrief spricht Paulus immer wieder vom Evangelium, wie auch in den übrigen, wobei er jedesmal etwas anderes besonders hervorhebt. Die folgende Stelle ist besonders interessant:

2.Kor 5:10-15 Denn wir müssen alle vor dem Richterstuhl des Christus offenbar werden, auf daß ein jeder empfange, was er in dem Leibe getan, nach dem er gehandelt hat, es sei Gutes oder Böses. Da wir nun den Schrecken des Herrn kennen, so überreden wir die Menschen, Gott aber sind wir offenbar geworden; ich hoffe aber, auch in euren Gewissen offenbar geworden zu sein. [Denn] wir empfehlen uns selbst euch nicht wiederum, sondern geben euch Anlaß zum Ruhm unserethalben, auf daß ihr ihn habet bei denen, die sich nach dem Ansehen rühmen und nicht nach dem Herzen. Denn sei es, daß wir außer uns sind, so sind wir es Gott; sei es daß wir vernünftig sind-euch. Denn die Liebe des Christus drängt uns, indem wir also geurteilt haben, daß einer für alle gestorben ist und somit alle gestorben sind. Und er ist für alle gestorben, auf daß die, welche leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und ist auferweckt worden.

Paulus nennt hier zwei Motivationen für seinen Dienst: Den Schrecken des Herrn angesichts des Gerichts, aber auch die Liebe Christi, da durch Seinen Tod und Seine Auferstehung für alle Menschen Erlösung möglich geworden ist. Der Schrecken des Herrn ist real, denn wir alle – auch wir Christen – werden nach unseren Werken beurteilt werden. Deshalb zeigt uns der Herr, der Augen hat wie Feuerflammen, worauf Er besonders wert legt, wenn er Sendschreiben an die Gemeinden richtet: „Ich kenne deine Werke“ (Offb 2+3). Da unser Gott ein verzehrendes Feuer ist (Heb 12:29), müssen wir nach bestem Gewissen danach trachten, Ihm mit Scheu zu dienen und wohlgefällig zu sein (Heb 12:28). Unsere Hoffnung ist dabei nicht das eigene Tun, sondern Tod und Auferstehung Christi, durch die uns Versöhnung und Wiedergeburt ermöglicht wurde; allerdings ist das kein Freibrief, das weltliche Leben fortzusetzen, sondern Gnade zur Umkehr und zur Lebensänderung.

Da es, laut Hebräerbrief dem Menschen gesetzt ist, einmal zu sterben, worauf das Gericht folgt, (Heb 9:27) gilt unumstößlich der volle Ernst dieser Stelle aus dem zweiten Korintherbrief. Wer unversöhnt vor das Gericht tritt, den erwartet der Schrecken des Herrn. Wer als Christ in ein weltliches Leben zurückfiel (oder nie wirklich umkehrte von seinen Sünden), für den wäre es besser gewesen, den Weg der Wahrheit nie erkannt zu haben (2.Petr 2:20-21).

Dass Jesu Tod allen Menschen gilt, ist kein Automatismus, dass alle Menschen errettet werden. Es gilt auch hier, dass es ohne Glaube unmöglich ist, Gott zu gefallen (Heb 11:6). Daher gilt der Tod Christi als ein Angebot, das den Menschen nachdrücklich nahegebracht werden muss:

2.Kor 5:20 So sind wir nun Gesandte für Christum, als ob Gott durch uns ermahnte; wir bitten an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott!

Der Ball ist damit bei den Empfängern der Botschaft. Wer eine gesunde Gottesfurcht hat, wird umkehren; der Spötter wird es ignorieren. Deshalb bewirkt dasselbe Evangelium sowohl Heil als auch Verderben:

2.Kor 2:15-17 Denn wir sind Gott ein Wohlgeruch Christi in denen, die errettet werden, und in denen, die verloren gehen; den einen ein Geruch vom Tode zum Tode, den anderen aber ein Geruch vom Leben zum Leben. Und wer ist dazu tüchtig? Denn wir verfälschen nicht, wie die vielen, das Wort Gottes, sondern als aus Lauterkeit, sondern als aus Gott, vor Gott, reden wir in Christo.

In derselben Weise wie im 1. Korintherbrief warnt Paulus die Gemeinde davor, diese Gnade nicht vergeblich empfangen zu haben:

2.Kor 6:1 Mitarbeitend aber ermahnen wir auch, daß ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfanget

Was er damit meint, steht dann ab Vers 14: Die Absonderung von der Welt und vom Götzendienst ist notwendig, damit Gott uns aufnimmt.

Hier, im zweiten Korintherbrief bin ich länger geblieben, um den Ernst, mit dem Paulus das Evangelium lehrt, zu unterstreichen. Dieser Ernst erinnert deutlich an die Worte des Herrn, dass nur jene errettet werden, die an Ihn glauben und den Willen des Vaters tun. Eine als Evangelium verkündete Botschaft, die lehrt, Gehorsam sei keinesfalls heilsnotwendig, ist ein ebenso falsches Evangelium, wie die judaisierende Botschaft, wir müssten beschnitten werden und den ganzen Mose halten.

Galaterbrief

Im Galaterbrief wendet sich Paulus gegen die judaisierenden Irrlehrer. Der an und für sich verständliche Gedanke, das Gesetz des Mose gelte weiterhin, weil ja nichts davon aufgelöst wird, führte in den jungen Gemeinden zu großer Verwirrung. Jesus sagte das zwar, aber zugleich machte Er deutlich, dass das Gesetz nicht unverändert bliebe. Es werde nicht aufgelöst, wohl aber auf das Vollmaß gebracht (Mat 5:17-19). Er selbst gibt in der Bergpredigt einige Beispiele, was das bedeutet. Das Gesetz wird seines Buchstabens entkleidet, es gilt nicht mehr in der Weise, wie es auf den Stein graviert wurde, sondern so, wie der Geist Gottes es auf unsere Herzen schreibt. Das ist die Bedeutung vom tötenden Buchstaben und dem lebendig machenden Geist (2.Kor 3:2-18). Ausnahmslos alle Kontroversen zwischen Werke und Gnade betreffen einzig die Frage, ob Heidenchristen das Gesetz des Moses halten müssen, um errettet zu werden. Nie geht es Paulus darum, Werke des Glaubens und des Gehorsams klein zu reden. Weil Martin Luther das bereits missverstanden hat, krankt der gesamte Protestantismus an der Seuche der Gesetzlosigkeit.

Im Galaterbrief nun wendet sich Paulus in aller Schärfe gegen die judaisierenden Irrlehrer. Eingangs gibt er eine kurze Zusammenfassung des Evangeliums:

Gal 1:1-5 Paulus, Apostel, nicht von Menschen, noch durch einen Menschen, sondern durch Jesum Christum und Gott, den Vater, der ihn auferweckt hat aus den Toten, und alle Brüder, die bei mir sind, den Versammlungen von Galatien: Gnade euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus, der sich selbst für unsere Sünden hingegeben hat, damit er uns herausnehme aus der gegenwärtigen bösen Welt, nach dem Willen unseres Gottes und Vaters, welchem die Herrlichkeit sei von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Paulus hebt das Sündopfer hervor und erinnert an den Zweck: Damit Er uns herausnehme aus der gegenwärtigen bösen Welt, eigentlich: herausreiße – es ist dasselbe Wort, das gebraucht wird, um das Auge, das nach der Sünde schielt, herauszureißen. Das Evangelium des Paulus beinhaltet also auch hier die Absonderung von allem Bösen, wie sie bereits in der ersten Predigt zu Pfingsten angesprochen wird (Apg 2:40). Das liegt also auf einer Linie mit dem Evangelium, das Paulus auch sonst predigte, das Glaubensgehorsam und Absonderung von der Welt ganz selbstverständlich einschließt, weil beides logische Folgerungen aus der Botschaft vom Königreich Gottes sind.

Paulus wendet sich nun an die Irrlehrer:

Gal 1:6-9 Ich wundere mich, daß ihr so schnell von dem, der euch in der Gnade Christi berufen hat, zu einem anderen Evangelium umwendet, welches kein anderes ist; nur daß etliche sind, die euch verwirren und das Evangelium des Christus verkehren wollen. Aber wenn auch wir oder ein Engel aus dem Himmel euch etwas als Evangelium verkündigte außer dem, was wir euch als Evangelium verkündigt haben: er sei verflucht! Wie wir zuvor gesagt haben, so sage ich auch jetzt wiederum: Wenn jemand euch etwas als Evangelium verkündigt außer dem, was ihr empfangen habt: er sei verflucht!

Es ist todernst, was Paulus hier schreibt. Darum setze ich selbst als Lehrer einer christlichen Gemeinde alles daran, dieses Evangelium so treu, so gewissenhaft und so unverkürzt wie möglich zu lehren und leide wie Paulus an den Widerständen. Diese kommen heute jedoch nicht aus jüdischer Gesetzlichkeit, sondern aus evangelikaler Gesetzlosigkeit. Beides ist gleich falsch, allerdings kommt das zweite sehr viel weicher und wärmer an unser Ohr. Indem ich selbst über viele Jahre Gesetzlosigkeit gelehrt habe und Gott mir Gnade gab, diesen todbringenden Irrtum zu überwinden, habe ich die letzten Jahre damit verbracht, das Evangelium neu zu entdecken. Das nur am Rand, um meinen Zugang deutlich zu machen. Seither gehe ich nicht mehr von Einzelversen aus, aus denen ich früher meine Verkündigung zusammensetzte, sondern nehme mir ausgiebig Zeit, die Themen aus dem Gesamtzeugnis heraus zu entfalten. Wer wirklich errettet werden will, muss sich diese Zeit nehmen und entweder längere Predigten ertragen oder mehr Bibelstunden besuchen.

Paulus setzt fort mit einer weiteren Darlegung des Evangeliums, die wiederum vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung zu verstehen ist:

Gal 1:11-2:2 Ich tue euch aber kund, Brüder, daß das Evangelium, welches von mir verkündigt worden, nicht nach dem Menschen ist. Denn ich habe es weder von einem Menschen empfangen, noch erlernt, sondern durch Offenbarung Jesu Christi.

Denn ihr habt von meinem ehemaligen Wandel in dem Judentum gehört, daß ich die Versammlung Gottes über die Maßen verfolgte und sie zerstörte, und in dem Judentum zunahm über viele Altersgenossen in meinem Geschlecht, indem ich übermäßig ein Eiferer für meine väterlichen Überlieferungen war.

Als es aber Gott, der mich von meiner Mutter Leibe an abgesondert und durch seine Gnade berufen hat, wohlgefiel, seinen Sohn in mir zu offenbaren, auf daß ich ihn unter den Nationen verkündigte, ging ich alsbald nicht mit Fleisch und Blut zu Rate und ging auch nicht hinauf nach Jerusalem zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern ich ging fort nach Arabien und kehrte wiederum nach Damaskus zurück.

Darauf, nach drei Jahren, ging ich nach Jerusalem hinauf, um Kephas kennen zu lernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm. Ich sah aber keinen anderen der Apostel, außer Jakobus, den Bruder des Herrn. Was ich euch aber schreibe, siehe, vor Gott! Ich lüge nicht. Darauf kam ich in die Gegenden von Syrien und Cilicien. Ich war aber den Versammlungen von Judäa, die in Christo sind, von Angesicht unbekannt; sie hatten aber nur gehört: Der, welcher uns einst verfolgte, verkündigt jetzt den Glauben, den er einst zerstörte. Und sie verherrlichten Gott an mir.

Darauf, nach Verlauf von vierzehn Jahren, zog ich wieder nach Jerusalem hinauf mit Barnabas und nahm auch Titus mit. Ich zog aber hinauf zufolge einer Offenbarung und legte ihnen das Evangelium vor, das ich unter den Nationen predige, im besonderen aber den Angesehenen, damit ich nicht etwa vergeblich laufe oder gelaufen wäre.

Paulus geht hier autobiographisch vor. Er war ein Schriftgelehrter, das war sein Problem, nach seiner Bekehrung und Neuorientierung aber auch sein Schatz, aus der er Altes und Neues hervorzubringen vermochte (Mat 13:52). Paulus schreibt von seiner Begegnung auf dem Weg nach Damaskus, als der Herr ihm offenbart wurde. Gemeint ist hier weniger, dass Paulus ein anderes Evangelium empfangen hätte, sondern dass er nicht aus der Predigt eines Jüngers hörte, sondern durch die persönliche Begegnung mit dem Herrn. Dass ihm sehr viel daran lag, nichts anderes zu lehren als auch die übrigen Apostel, zeigt sich gerade dadurch, dass er nach Jerusalem ging, um sich inhaltlich mit ihnen abzustimmen. Ihm war bewusst: Hätte er etwas anderes gelehrt, wäre er vergeblich gelaufen. Damit stellt er sich selbst unter das Wort: „Wenn jemand euch etwas als Evangelium verkündigt außer dem, was ihr empfangen habt: er sei verflucht!“

Zuerst jedoch nahm Paulus sich eine Auszeit und ging für drei Jahre nach Arabien. Was er dort tat, schreibt er nicht, aber es wird mit seiner Neuorientierung zu tun gehabt haben. Er musste seine ganze Schriftkenntnis neu ordnen. Ein reizvoller Gedanke wäre, ob er dazu zum Berg Sinai gegangen ist, der ja auch in Arabien (Gal 4:25), im Land Midian liegt (und nicht auf der Sinai Halbinsel, wo ihn spätere Traditionen verortet haben). Danach wirkte er in Syrien und Cilicien. In Antiochia gehörte er mit anderen zur Gemeindeleitung. Es ist in der Apostelgeschichte nicht klar, wann er mit Barnabas und Titus nach Jerusalem zog. Es war 17 Jahre nach seiner Bekehrung. Indem die galatischen Gemeinden die Frucht seiner ersten Missionsreise waren, nehme ich an, dass sie diesen Weg auf sich nahmen, ehe sie zur Missionsreise antraten. Sinnvoll wäre dies allemal gewesen. Andernfalls wäre es seltsam, dass er in seinem Brief schriebe, er habe sich erst nach den Gemeindegründungen mit den Aposteln abgesprochen.

Was aus diesem autobiographischen Abriss klar ist, ist die Übereinstimmung der Verkündigung unter allen Aposteln. Die judaisierenden Irrlehrer konnten sich also nicht gegen Paulus auf Jakobus oder einen anderen Apostel berufen, was sie ja versuchten (Gal 2:12). Zwischen Paulus und Jakobus passt kein Blatt Papier. Dazu habe ich einmal knapp 100 Seiten Bibelstudium geschrieben. Heute ist es umgekehrt: Man beruft sich auf Paulus gegen Jakobus und treibt von der anderen Seite her einen Keil zwischen die Knechte des Herrn Jesus Christus.

Abschluss

Ich höre an dieser Stelle auf und weise auf Texte wie Eph 1:1-13, Phil 2:5-11, Kol 2:6-15, 1.Thess 1:8-10 oder 1.Tim 3:16 hin, die allesamt Darlegungen des Evangeliums sind; jeweils aus anderen Blickwinkeln und mit anderen Schwerpunktsetzungen. In keinem Fall ist die Beschreibung vollständig, denn Paulus baute immer auf der bereits erfolgten ausführlichen mündlichen Unterweisung auf, an die jene Brieftexte nur erinnern sollten. In der Zusammenschau des ganzen Neuen Testamentes bekommen wir einen guten und vor allen Dingen ausreichenden Eindruck von der apostolischen Verkündigung des Evangeliums vom Reich Gottes, wie der Herr es uns zu predigen aufgetragen hat. Wenn wir daraus nur Splitter und kleine Brocken lehren, erfüllen wir unseren Auftrag nicht und erweisen uns als untreue Knechte.

Davor möge der Herr uns alle bewahren und uns fruchtbar machen in Seinem Dienst. Zu Seiner Ehre und zu unserer Freude bei Seiner Ankunft. Amen.

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