Das „Ich“ und die Gemeinde

Die Gründe, in diese oder jene Gemeinde zu gehen, können sehr verschieden sein. Die einen sind in der Gemeinde aufgewachsen und bleiben dabei, weil die ganze Familie dabei ist. Die anderen haben dort ihre Freunde gefunden und bleiben deshalb der Gemeinde treu. Es gibt Christen, die vor allem wegen der guten Kinderbetreuung kommen und solche, die den Stil des Predigers schätzen. Andere bevorzugen einen bestimmten Anbetungsstil, den sie nur in dieser oder jener Gemeinderichtung finden. Wieder andere sind und bleiben in einer Gemeinde, weil die Lehre richtig ist. Manche vielleicht, weil man sich für diese Gemeinde nicht zu schämen braucht … kurz: Die Motive sind vielfältig, und diese Liste ist keinesfalls vollständig.

Der Eindruck entsteht, dass die Vielfalt der verschiedenen Gemeinden notwendig sei, um die verschiedenen Bedürfnisse (und Vorlieben) abzudecken und zu stillen. Das lädt zum Wechseln, zum Ausprobieren und auch zur Unverbindlichkeit bei.

Zwei Fragen bleiben bei diesen Beispielen jedoch ausgeblendet:

  • Was ist die Gemeinde?
  • Worin besteht die „Einheit“ der Gemeinde in all dieser „Vielfalt“?

 

Was ist die Gemeinde?

Vielleicht merken wir bei einem zweiten Blick auf die obigen Beispiele, dass im Zentrum das „Ich“ steht. Es geht um das „Ich“ und „Seine“ Erwartungen, Wünsche, Bedürfnisse, Vorlieben, Forderungen, Hoffnungen, Begierden, Sehnsüchte, Vorstellungen und dergleichen. All das ist mit unserem „Ich“ verbunden, und wir können das schwer ausblenden. Aber wir müssen dies dennoch für den Augenblick tun, damit nicht unser „Ich“ beeinflusst oder gar festlegt, was die Gemeinde Christi ist oder sein sollte. Im Umkehrschluss werden wir feststellen, dass wie der Sabbat um des Menschen willen gemacht wurde, die Gemeinde sehr wohl Bedürfnisse von Menschen stillt – wir werden aber dabei lernen, Bedürfnis und Begierde voneinander zu unterscheiden. Das, was die Gemeinde ist und bietet, wird unser Verständnis und unser Leben in der Gemeinde gestalten und nicht so sehr das, was unser „Ich“ meint, dass die Gemeinde bieten sollte.

Hier gibt es also viel zu studieren, zu lernen – und zwar nicht unter der ersten und in uns brennenden Frage: „Was bringt es mir?“, sondern unter Frage: „Was ist es?“, „Was bedeutet es?“, „Was meint und will Gott damit?“

Was bedeutet es, zum Beispiel, wenn Christus sagt, Er will Seine Gemeinde bauen? Welches Bild hat Er vor Augen? Wie spielen die Gleichnisse vom Reich Gottes hier hinein? Was hat der Tempel damit zu tun? Wie verhalten sich der Tempel und die Gemeinde zueinander? Was bezweckt Gott mit diesen Beschreibungen, was sollen wir dadurch erkennen?

Oder wie ist es mit dem Leib und seinen Gliedern? Mit den Gaben des Geistes und dem Dienst aneinander? Welchen Stellenwert hat Gastfreundschaft und warum? Wie ist das mit dem Teilen der materiellen Güter, dem Dienst an den Kranken?

Was bedeutet es, wenn es heißt, die Braut Christi bereitet sich auf die Hochzeit vor? Wie macht sie das, und was sollen wir uns darunter vorstellen?

Welche Gefahren sieht Gott für die Gemeinde? Welche Ordnungen und Verantwortungen hat Er in Seiner Gemeinde eingesetzt? Wie ist der Stellenwert der Lehre zu bewerten? Wie und wo wird in der Gemeinde gelehrt? Wie viel Zeit soll man sich dafür nehmen?

Wie sieht eine Versammlung im Neuen Testament aus? Wer redet und wer schweigt? Wer ist Priester und wer nicht? Wer bringt welche Opfergaben dar? Worin besteht die Anbetung Gottes? Wo erkennt man, wie wichtig Gott die Anbetung ist? Warum ist es zu tadeln, wenn jemand die Versammlungen gewohnheitsmäßig versäumt? Was hat gemeinsames Essen mit der Versammlung zu tun? Wo versammelt sich die Gemeinde?

Viele, die Gemeinde nur nach den Bedürfnissen ihres „Ich“ betrachten, haben sich diese Fragen nie gestellt und können sie auch zu einem großen Teil nicht beantworten. Und doch erschließt sich das Wesen der Gemeinde erst in der Erforschung dieser biblischen Themenkreise.

Da geht es darum, dass die Gemeinde zuerst einmal zur Ehre Gottes ist, um Seine Weisheit der sichtbaren und unsichtbaren Welt darzustellen. Dann auch darum, dass Gott uns in der Gemeinde Seine Liebe zeigt. Christus hat die Gemeinde geliebt, sie mit Seinem Blut erworben. Ich bin nur dann in Seiner Liebe, wenn ich in Gemeinschaft mit Seiner Braut bin, Teil Seiner Braut, Teil Seines Leibes, Teil Seines Tempels, Teil Seiner Herde, Teil Seiner Familie. Mein „Ich“ wird also eingebettet in ein größeres Ganzes, in das es sich ein- und unterordnen muss. Ich bin keine wilde Bergziege, sondern ein Schaf in einer Herde unter einem Hirten. Das schränkt meine Bewegungsfreiheit ein, ordnet mein Leben, gibt zugleich Sicherheit, Pflege und Orientierung. Als „Körperteil“ im Leib Christi habe ich Funktionen, von denen andere Organe wieder abhängig sind; mein Dienst ist wichtig; ich muss meinen Platz ausfüllen.

Ich will keine weiteren Antworten vorwegnehmen. Das Studium der Schrift kann niemandem abgenommen werden, der selbst bewerten will, wie Gemeinde zu sehen und in der Gemeinde zu leben ist.

 

Worin besteht die „Einheit“ der Gemeinde in all dieser „Vielfalt“?

Als zweites Studienthema bietet sich die „Einheit der Gemeinde“ an. Was bedeutet es, eine Herde unter einem Hirten zu sein (jeweils Zahlwort)? Oder wie wichtig sind die sieben Ein-heiten im Epheserbrief: Ein Leib, ein Geist, eine Hoffnung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott?

Warum zählen Spaltungen zu den Werken des Fleisches und was ist ihre Folge? Wie begegnet Paulus den Spaltungen in Korinth? Dürfen Christen sich nach Lehren und Meinungen in eigene Gruppen sammeln? Wie bewertet die Schrift das Suchen von Lehrern, die in den Ohren jucken? Oder das Abziehen von Jüngern seitens begabter Brüder? Oder dass einer der Größte unter den anderen sein will?

Welche Bedeutung hat biblische Leitung für die Einheit? Was ist ihre Aufgabe, und was macht es ihr schwer? Wenn wir schon in einem gespaltenen Zustand sind, was sagt die Schrift, wonach wir Ausschau halten sollen bei der Suche nach Gemeinschaft?

Was sagt der Herr über die Entwicklung der Gemeinde im Lauf der Zeit? Inwiefern ist der gegenwärtige Zustand erfüllte Prophetie? Wie sollen wir gemäß der Prophetie handeln? Was wäre notwendige Buße und Umkehr in einer Situation wie dieser? Was lehrt die Bibel zu Reformation oder Restauration?

All diese Fragen haben sehr klare Antworten in der Schrift. Leider ist es so, dass viele, die dem „Ich“ folgen, sich von der „reichen Auswahl“ schmeicheln lassen und Gemeinde nach dem Supermarkt-Prinzip suchen: „Was passt zu mir?“, „Wieviel will ich dafür ausgeben?“, „Soll ich den Markenartikel nehmen oder die billigere Eigenmarke?“, „Wie steht es um das Umtauschrecht?“, „Was steht auf der Zutatenliste?“, … aber es gibt nur eine Gemeinde; und je weiter wir vom Willen Gottes entfernt sind, desto mehr tragen wir selbst zu den Spaltungen bei, die Gott Sünde nennt. Der Supermarkt ist also kein Werk Gottes, sondern des Verwirrers.

Auch hier will ich die Antworten nicht geben, sondern einladen, die Schrift mit einem ehrlichen Herzen zu erforschen. Dabei geht es zuerst einmal nicht um das „Ich“ und seine Bedürfnisse, sondern um Gott und Seinen Vorsatz.

 

 

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