Der Gebrauch des Wortes Gnade in den Evangelien

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Der Gebrauch des Wortes Gnade in den Evangelien

Das vorliegende Wortstudium ist aus zwei Gründen interessant: (a) Das Wort Gnade kommt in den Evangelien nur sehr selten vor (b) Jesus selbst kommt in der Präsentation des Evangeliums völlig ohne diesen Begriff aus. Stellt man diesen Befund der großen Bedeutung gegenüber, die Gnade in den Briefen und besonders in der Reformatorischen Theologie hat, wird man stutzig.

Gnade ist ein vielschichtiger Begriff

Χάρις kommt vom Verb χαίρω, welches „jubeln“ oder „sich freuen“ bedeutet. In diesem Sinne beschreibt das Substantiv χάρις auf Freude basierende oder Freude zum Ausdruck bringende Reaktionen: Dankbarkeit, Wohlgefallen aber auch Gunst, Geschenk, Freigiebigkeit, Entgegenkommen; weiters den göttlichen Einfluss auf das menschliche Herz. (zusammengefasst aus der Strong-Definition). Vergebung ist grundsätzlich keine der Bedeutungen von χάρις, aber χάρις kann die Motivation für die Vergebung sein.

Das Wort „danken“ leitet sich ebenfalls von χάρις ab: εὐχαριστέω.

Der Gedanke, dass Gnade immer bedingungslos oder voraussetzungslos sei, gewissermaßen als der absolute Gegensatz zu Lohn aufgrund von Werken, wird dem Begriff selbst nicht gerecht, denn Dank oder Freude ist nicht selten die Reaktion auf ein Werk. In den Evangelien begegnet uns Gnade an folgenden Stellen:

  • Lukas 1:28-30, 2:40; 2:52; 4:22; 6:32-34; 17:9;
  • Johannes 1:14; 1:16; 1:17

Lukas 1:30

Luk 1:28-30 Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, Begnadigte! Der Herr ist mit dir; [gesegnet bist du unter den Weibern!] Sie aber, [als sie ihn sah] ward bestürzt über sein Wort und überlegte, was für ein Gruß dies sei. Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast Gnade bei Gott gefunden;

Der Engel begrüßt Maria in einer Weise, die sie verwundert und bestürzt. Wie ist χάρις hier zu verstehen? Im Sinne eines Entgegenkommens, Gott wählte Maria zu einem bestimmten Werk aus, welches ein besonderes Vorrecht ist. Maria hat aber auch Gnade bei Gott gefunden (εὗρες γὰρ χάριν παρὰ τῷ Θεῷ). Das ist wichtig. Das erste Mal begegnet uns diese Formulierung in der Genesis.

Gen 6:8-9 Noah aber fand Gnade (LXX: εὗρεν χάριν) in den Augen Jahwes. Dies ist die Geschichte Noahs: Noah war ein gerechter, vollkommener Mann unter seinen Zeitgenossen; Noah wandelte mit Gott.

War das Finden der Gnade Gottes das Ergebnis einer Suche nach der Gnade Gottes? Ich denke, dass dieser Gedanke wichtig ist. Denn Noah wurde aufgrund seines tadellosen Wandels mit Gott Gnade zuteil. Die Wendung, Gnade bei Gott finden, beschreibt also Gottes Reaktion auf ein frommes Leben – und wir sahen oben, dass Gnade durchaus diese Bedeutung hat: Gott freut sich über Menschen, die Ihn aktiv suchen und Ihm gefallen wollen. Die Gnade, mit der Gott diesen Menschen dann begegnet, kommt überraschend, weil wahre Frömmigkeit nicht berechnend ist und eben nicht davon ausgeht, Gottes Anerkennung verdienen zu können!

In beiden Fällen (Noah, Maria) hat Gnade nichts mit Vergebung zu tun, das Thema der Sünde wird gar nicht angesprochen, sondern es geht über Gottes Entgegenkommen, Auswahl zu einem Werk der Heilsgeschichte und um Seine Freude über den Wandel der Frommen.

Die Formulierung „Gnade in den Augen eines anderen finden“ kommt in der Bibel sehr häufig vor (auch Menschen gegenüber) – fast immer geht es dabei um eine Geste guten Willens oder einen Loyalitätsbeweis, der einen Mächtigeren dazu bewegen soll, den Untergebenen freundlich zu behandeln. Gnade ist in solchen Fällen nie voraussetzungslos, aber man kann auch nicht sagen, dass Gnade verdient worden ist, da diese Taten keine Rechte bewirken.

Lukas 2:40

Luk 2:40 Das Kindlein aber wuchs und erstarkte, erfüllt mit Weisheit, und Gottes Gnade war auf ihm.

Hier geht es um den Herrn Jesus, wie Er bei Seiner Familie in Nazareth aufwuchs. Gottes Gnade war auf Ihm. Dass Gnade hier nichts mit Vergebung zu tun haben kann, ist aufgrund der biblisch bezeugten Sündlosigkeit des Herrn klar. Ich erwähne es deshalb, weil manchmal in apologetischen Gesprächen mit Katholiken aufgrund der vorangegangen Passage behauptet wird, Maria sei eine Sünderin gewesen, weil sie als Begnadigte angesprochen wird. Sie war zwar wie alle Menschen ein sündiger Mensch, aber diese Begrüßung spielt nicht darauf an. Ebenso beschreibt Gnade in dieser Stelle einfach Gottes Freude über Jesus, die aber durchaus praktisch verstanden werden kann: Es kann eine bewahrende Gnade gemeint sein, dass Gott die Lebensumstände gnädig gestaltete; oder es kann beschreiben, dass die Gegenwart Gottes in der Familie oder im Leben Jesu spürbar oder erkennbar war. Indem Lukas hier keine Details gibt, bleibt uns nur die ganze Bandbreitee des Begriffs, um eine Vorstellung zu bekommen, was gemeint sein könnte. Ein Beispiel zur Illustration:

Gen 39:5 Und es geschah, seitdem er ihn über sein Haus bestellt und über alles, was er hatte, dass Jahwe das Haus des Ägypters segnete um Josephs willen; und der Segen Jahwes war auf allem, was er hatte, im Hause und auf dem Felde.

Lukas 2:52

Luk 2:52 Und Jesus nahm zu an Weisheit und an Größe, und an Gunst (Gnade) bei Gott und Menschen.

Diese Aussage wiederholt den Gedanken von der letzten Stelle, zeigt aber, dass Gnade nichts Statisches ist. Hier kommt der Beziehungsaspekt ins Spiel, denn auch Beziehungen sind nicht statisch. Gnade ist auch keine rein göttliche Eigenschaft, sondern auch Menschen können Gnade geben und ausdrücken. Darum ist es auch legitim vom Menschen auf Gott zu schließen, denn im Grunde ist es anthropomorphe Redeweise, wenn von der Gnade Gottes die Rede ist. Nur, weil wir Gnade auf zwischenmenschlicher Ebene kennen – oder das Fehlen derselbe – ergibt die Rede von der Gnade Gottes Sinn.

Löst man nun aber den Begriff der Gnade aus diesen Zusammenhängen heraus und verengt ihn auf den juristischen Aspekt, dann werden Verse wie dieser sinnlos. Ich unterstreiche es gerade um jener Willen, die dazu neigen in konkordanter Weise jedem griechischen Wort nur eine Bedeutung zu geben, aber auch, weil ich meine, dass man in einem Missverständnis den Gnadenbegriff wie Paulus ihn gebraucht juristisch verengt hat. Kein einziges Mal jedoch wird in den Evangelien Gnade in diesem juristischen Sinn gebraucht – im Deutschen Sprachgebrauch ist Gnade/begnadigen jedoch ein Rechtsbegriff. Das macht das Thema so komplex und ein theologisches Gespräch darüber läuft oft darauf hinaus, dass man aneinander vorbeiredet.

Lukas 4:22

Luk 4:22 Und alle gaben ihm Zeugnis und verwunderten sich über die Worte der Gnade, die aus seinem Munde hervorgingen; und sie sprachen: Ist dieser nicht der Sohn Josephs?

Die Worte der Gnade sind hier die Auslegung der prophetischen Stelle aus Jesaja, die der Herr Jesus durch Sein Kommen und Wirken als erfüllt verkündete. Die Gnade ist hier Gottes Entgegenkommen, Sein Erbarmen und rettendes Eingreifen.

Lukas 6:32-35

Luk 6:32-35 Und wenn ihr liebet, die euch lieben, was für Dank ist es euch? Denn auch die Sünder lieben, die sie lieben. Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, was für Dank ist es euch? Denn auch die Sünder tun dasselbe. Und wenn ihr denen leihet, von welchen ihr wieder zu empfangen hoffet, was für Dank ist es euch? [Denn] auch die Sünder leihen Sündern, auf daß sie das gleiche wieder empfangen. Doch liebet eure Feinde, und tut Gutes, und leihet, ohne etwas wieder zu hoffen, und euer Lohn wird groß sein, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.

Das an dieser Stelle mit Dank übersetzte Wort ist jedesmal χάρις! Das ist besonders pikant, weil in Vers 35 χάρις mit Lohn synonym gesetzt wird! Es verdient keinen Dank, die zu lieben, die einen auch selbst lieben – das sollte selbstverständlich sein. Selbstverständliches Verhalten verdient keine Gnade! Gnade ist Lohn für außergewöhnliches Verhalten.

Bestätigt wird die prinzipiell mögliche Synonymität von Gnade und Lohn auch in der Parallelstelle zu Lukas 6:32 in der Bergpredigt:

Mat 5:46 Denn wenn ihr liebet, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr? Tun nicht auch die Zöllner dasselbe?

Wenn wir Gnade kategorisch als das Gegenteil von Lohn definieren, bekommen wir an dieser Stelle ein Problem. Das heißt, diese Definition passt nicht generell, sie ist daher ungeeignet als Definition.

Lukas 17:9-10

Luk 17:9-10 Dankt er etwa dem Knechte, daß er das Befohlene getan hat? Ich meine nicht. Also auch ihr, wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.

Das unterstreicht nochmals den obigen Gedanken. Wenn jemand seine Pflicht tut, so verdient das keine „Gnade“. Pflichterfüllung ist einfach obligatorisch. Der zugrundeliegende Gedanke ist der, dass nur etwas, das über das allgemein zu Erwartende hinausgeht, Wohlgefallen, Freude und Dank hervorzurufen vermag. Aber: Gnade ist eben nicht das Gegenteil von Lohn, sondern die Reaktion auf das rechte Bemühen um Wohlgefallen. Gnade ist ihrem Wesen nach frei. Sie kann in derselben Weise ohne jeglichen äußeren Anlass gewährt werden. Darum folgt Gnade nie auf einen Rechtsanspruch auf Gnade.

Wenn wir meinen, durch das Halten des Gesetzes Gnade zu erlangen, so irren wir. Das Halten des Gesetzes ist geboten und verdient keinen Dank oder keine Gnade. Wenn wir meinen, aufgrund eines Opfers Gnade beanspruchen zu können, so unterwerfen wir Gnade einem Gesetz und berauben Gott Seiner Freiheit. Einzig weil Gnade und Liebe hervorragende Eigenschaften Gottes sind, können wir Ihn um Gnade bitten – und dazu gehört auch, dass wir die Opfer bringen, die Ihm wohlgefällig sind, wie ein zerschlagenes Herz. Wohlgefälliges löst Wohlgefallen aus. Wohlgefallen ist eine Übersetzungsmöglichkeit von Gnade.

Der Herr Jesus macht es klar, dass wir Ihm zu gehorchen haben, wie Knechte ihrem Herrn. Wenn wir hier absichtlich nachlässig und ungehorsam sind, so kann die Antwort darauf nicht lauten, „Wir leben halt alle aus der Gnade“, denn so rufe wir keine Gnade (= Wohlgefalllen), sondern Zorn hervor. Wenn wir aus einer Haltung des Ungehorsams von Herzen umkehren, dann suchen wir aktiv die Gnade Gottes in einer Ihm wohlgefälligen Art und Weise. Darauf kann Er uns gnädig begegnen, kann die Gnade aber auch zurückhalten, um unsere Umkehr zu vertiefen und zu fördern (Züchtigung).

Johannes 1:14-17

Joh 1:14-17 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns (und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater), voller Gnade und Wahrheit; (Johannes zeugt von ihm und rief und sprach: Dieser war es, von dem ich sagte: Der nach mir Kommende ist mir vor, denn er war vor mir) denn aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Moses gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesum Christum geworden.

Diese Stelle beschreibt das Grundsätzlich Neue um Neuen Bund. Das Gesetz kam durch Mose, und das Gesetz steht hier in einem Gegensatz zu Gnade und Wahrheit, und zwar in dem Sinn, dass Moses Gnade und Wahrheit eben nicht brachte.

Inwiefern brachte Jesus die Gnade? Indem Er voller Gnade ist – das heißt eine unendliche Fülle an Gnade ist in Ihm – und indem wir beständig von dieser Gnade nehmen.

Betrachtet man den Gebrauch des Wortes Gnade im Alten Testament, so kommt es rund 70mal vor, in den meisten Fällen jedoch in der Form einer Bitte, wo Menschen bei Menschen oder Gott Gnade suchen; bzw. wo diesem Suchen entsprochen wird und Menschen Gnade bei Gott oder Menschen gefunden haben. Beispiele dafür:

Gen 18:3 und er sprach: Herr, wenn ich anders Gnade gefunden habe in deinen Augen, so gehe doch nicht an deinem Knechte vorüber!

Abraham „nötigt“ die drei Fremden, seine Gastfreundschaft anzunehmen. Er betrachtet es in typisch orientalischer Weise als eine Gunst und ein Vorrecht, wenn die Vorbeiziehenden sich bei ihm ein wenig stärken würden. Dass die drei Männer Gott waren, war ihm zu dem Zeitpunkt gar nicht bewusst. An dieser Stelle wird als um eine Gunst gebeten, und zwar in betont unterwürfiger Art und Weise.

Gen 32:3-5 Und Jakob sandte Boten vor sich her zu seinem Bruder Esau, in das Land Seir, das Gefilde Edom. Und er gebot ihnen und sprach: So sollt ihr zu meinem Herrn, zu Esau, sprechen: So spricht dein Knecht Jakob: Bei Laban habe ich mich aufgehalten und bin geblieben bis jetzt; und ich habe Rinder und Esel, Kleinvieh und Knechte und Mägde erworben; und ich habe gesandt, es meinem Herrn kundzutun, um Gnade zu finden in deinen Augen.

Jakob hatte allen Grund, sich vor der Begegnung mit Esau zu fürchten. Um ihn gnädig zu stimmen sendet er eine Botschaft der Unterwerfung (siehe, dein Knecht), die als Geste gemeint ist, um Esaus Vergebung zu erlangen. Es schwingt in dieser Bitte eine gehörige Portion Unsicherheit mit. Dass er mit der Gesandtschaft auch etwas Vieh als Geste guten Willens mitgesandt hat, steht in Gen 33:10-11. Jakob nötige Esau geradezu, dieses Geschenk anzuehmen.

Beide Beispiele kommen aus dem zwischenmenschlichen Bereich und sind sehr typisch für den Gebrauch des Wortes Gnade im Alten Testament. Doch auch Gott gegenüber drücken sich die Heiligen der Vorzeit ähnlich aus:

Exo 33:12-13 Und Mose sprach zu Jahwe: Siehe, du sprichst zu mir: Führe dieses Volk hinauf, aber du hast mich nicht wissen lassen, wen du mit mir senden willst. Und du hast doch gesagt: Ich kenne dich mit Namen, und du hast auch Gnade gefunden in meinen Augen. Und nun, wenn ich denn Gnade gefunden habe in deinen Augen, so laß mich doch deinen Weg wissen, daß ich dich erkenne, damit ich Gnade finde in deinen Augen; und sieh, daß diese Nation dein Volk ist!

Mose hatte bereits Gnade gefunden in Gottes Augen, aber er will dennoch Klarheit und Gewissheit darüber haben. Er ringt weiter danach, Gnade in den Augen Gottes zu finden. An anderer Stelle zieht er aufgrund der Umstände die Gnade Gottes auch in Zweifel:

Num 11:11 Und Mose sprach zu Jahwe: Warum hast du an deinem Knechte übel getan, und warum habe ich nicht Gnade gefunden in deinen Augen, daß du die Last dieses ganzen Volkes auf mich legst?

Man kann das Alte Testament von Genesis bis Maleachi durchsehen und wird immer wieder auf dieses Element der Unsicherheit treffen. Im Neuen Testament hingegen wird man solche Wendungen vergeblich suchen. Das Wohlgefallen Gottes, Seine Gunst, Seine Gnade und Sein Entgegenkommen werden nicht mehr unterwürfigst erbeten oder in dieser typischen Weise – „Wenn ich Gnade gefunden haben, dann …“ – in Zweifel gezogen oder auf die Probe gestellt.

Vielmehr – und das macht der Text aus Johannes 1:14-17 klar – ist Gnade durch Christus in eindeutiger und verbindlicher Weise zugänglich geworden! Die einzige Voraussetzung, um Zugang zu dieser Gnade zu finden, ist Umkehr von den Sünden, Glaube, die Taufe auf Seinen Namen in Wasser und Geist. Dann stehen wir in er Gnade und haben Zugang zum Thron der Gnade.

Gleichzeitig ist Gnade nicht statisch im Neuen Testament, sondern kann reichlich zunehmen, indem wir das Ihm Wohlgefällige erstreben und tun. In beiden Testamenten gilt, dass Gott den Hochmütigen widersteht und den Demütigen Gnade gibt. Um es anders zu sagen: Gott drückt Sein Wohlgefallen nur aus, wenn es einen Anlass dazu gibt, wenn Ihm etwas wohlgefällt. Wenn Ihm etwas missfällt, so kann es kein Wohlgefallen Seinerseits, keine Gnade geben. Es ist im Extremfall auch möglich, aus der Gnade zu fallen. Ein Beispiel, wie scharf man zurechtgewiesen werden kann, finden wir in den Worten des Petrus an den Samariter Simon:

Apg 8:22-23 Tue nun Buße über diese deine Bosheit und bitte den Herrn, ob dir etwa der Anschlag deines Herzens vergeben werde; denn ich sehe, daß du in Galle der Bitterkeit und in Banden der Ungerechtigkeit bist.

Simons Problem war eine unaufrichtige Umkehr und Taufe. Hier, und nur hier, finden wir im NT eine gewisse Unsicherheit hinsichtlich der Gnade Gottes. Simons Herz war voll Ungerechtigkeit und erregte daher Gottes Missfallen. Die Unsicherheit liegt weniger in der Vergebungsbereitschaft Gottes, als darin ob Simon tatsächlich Willens ist, vom Grunde seines Herzens umzukehren.

Was auffällt

  • Weder Matthäus, noch Markus gebrauchen das Wort Gnade in ihren Evangelien.
  • Lukas gebraucht „Gnade“ in seinem natürlichen, allgemeinen Gebrauch
  • Johannes setzt es gezielt ein, um den Unterschied zum Alten Bund damit deutlich zu machen
  • Nirgends verwendet der Herr Jesus selbst das Wort Gnade, um die Botschaft des Evangeliums zu beschreiben und zu erläutern.

Gnade in den Evangelien – und das trifft auch auf den alttestamentlichen Gebrauch zu – ist nicht als Gegensatz zu Dank oder Lohn aufgrund von Werken zu definieren, da Gnade oft eine Reaktion/Antwort auf wohlgefälliges Verhalten ist; jedoch nicht für die Erfüllung von Verpflichtungen. Gnade kann in diesem Sinne gesucht und gefunden, aber nicht erarbeitet und verdient werden. Gnade wird immer vom Höhergestellten zum Niedrigeren hin gewährt, nie umgekehrt. Wer Gnade begehrt, anerkennt seine untergebene oder unterlegene Stellung.

Der Sünder, der zu Gott umkehrt, hat nur Hoffnung auf Gnade, wenn die Reue und der Sinneswandel aufrichtig und nicht etwa berechnend sind. Es gibt kein Recht auf Gnade – solch ein Denken widerspricht dem Wesen der freien Gnade.

Der große Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen Bund liegt in der Offenbarung der Gnade Gottes in Christus, die nun jedem frei zugänglich ist. Weil in Christus Gnade angeboten wird, muss sie nicht mehr ängstlich erfleht werden. Wir wissen, dass Gott uns wohlgefällig aufnehmen wird, wenn wir uns Ihm in der Ihm wohlgefälligen Weise aufrichtiger Umkehr und Glaubens nähern. Das freie Gnadenangebot ist umgekehrt kein Freibrief zu tun, was Ihm missfällt. Gnade und wohlgefälliges Verhalten stehen in einer lebendigen Wechselbeziehung. Gnade ist kein juristischer Rechtsanspruch aufgrund des vollbrachten Werkes Christi, wiewohl letzteres eine unabdingbare Voraussetzung dafür ist, dass Gott uns in Christus mit Wohlgefallen begegnen kann. Gnade ist der Antrieb zur Vergebung, jedoch nicht dasselbe wie Vergebung. Es ist wichtig, dies nicht zu vermischen oder zu verwechseln.

 

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