Der Gesandte des Königs

Einmal angenommen …

… Du hättest noch nie etwas vom christlichen Glauben gehört. Das ist zugegebenermaßen eine Überforderung für uns, die wir im „christlichen Abendland“ aufgewachsen sind, aber versuchen wir das gemeinsam.

Es kommt also ein Apostel in unsere Stadt. Ein Apostel? Richtig, das Wort verstehen wir ja nicht! Also sagen wir, es kommt ein Abgesandter zu uns. Ein Abgesandter wessen? Es ist der Abgesandte eines Königs. So jedenfalls stellt er sich vor, und mit der Botschaft des Königs sei er zu uns gekommen. Was ist die Botschaft des Evangeliums? Stop. Evangelium verstehen wir nicht. Es bedeutet: „Gute Botschaft“.

Der Gesandte eines uns unbekannten Königs bringt uns eine gute Botschaft, und die lautet Erlösung. Schon wieder so ein Wort, das wir normalerweise nicht verwenden. Erlösung bedeutet Befreiung.

Vielleicht bemerkst Du jetzt auf einmal, dass die christliche Botschaft keine religiöse Beschwichtigungstherapie für das private Kämmerlein ist, sondern eine hoch politische Sache! Was bedeutet das, wenn ein fremder König in unser Land kommt und uns Befreiung verspricht? Das bedeutet Krieg!

Der seltsame Gesandte

Etwas fällt uns am Gesandten vielleicht auf: Er kommt ohne Waffen mit einem schlichten Wanderstab. Als er kommt, setzt er sich zu uns an den Tisch, lebt mit uns, arbeitet unter uns und dient uns mit einer Liebe, die wir nicht kennen. Er sagt, das habe er von seinem König gelernt.

„Erzähl uns mehr von Deinem König!“ Wir haben nämlich keinen König, wir bestimmen selbst, was wir zu tun und zu lassen haben. Wir nennen das Demokratie, denn wir hatten zu viele schlechte Erfahrungen mit Königen, die als harte Tyrannen das Volk unterdrückten. Der König des Gesandten scheint aber anders zu sein.

Er ist der Schöpfer der Welt. Er ist kein Mensch, und wir können ihn eigentlich nicht beschreiben oder in Bildern darstellen. Was wir sehen und was wir sind, hat alles Er erdacht und ins Dasein gerufen. Wir müssen schon zugeben, dass der blinde Zufall der Evolutionslehre eigentlich nur ein Versuch ist, eine Erklärung der Welt ohne Schöpfer zu finden. Aber so recht überzeugt es ja doch nicht. Zu viele Fragen bleiben offen und widersprüchlich. Was nützt uns aber ein Schöpfer, der genauso fern und unergründlich ist, so dass uns die Antworten auf unser Leben um nichts weniger versagt bleiben als mit der Evolutionstheorie.

Gott, der Schöpfer, ist andererseits nicht wirklich fern. Von Anbeginn der Zeit suchte Er die Gemeinschaft mit den Menschen. Darum, so der Gesandte, sei er nun auch zu uns gekommen.

Alles kommt von Gott und alles hat Gott mit viel Weisheit und Liebe zum Detail wunderbar geordnet. Darum ist Er der eigentlich Besitzer und Herrscher über alles, was ist – und Er hat alles besonders uns Menschen anvertraut, um es zu verwalten und zu gestalten. Wir sollten gewissermaßen mit Ihm über diese Welt regieren.

„Was denkt Ihr“, fragt der Gesandte des Königs, „wie gut erfüllt ihr diesen Auftrag?“ An diesem Punkt sind wir herausgefordert, alles zu überdenken, was wir gemeinsam und als Einzelne tun. Seltsam, wir finden ja immer wieder Grund zum Klagen. Wir wählen zwar unsere Regierungen selbst, machen unsere eigenen Gesetze, doch darüber klagen wir auch wieder und sind immer unzufrieden. Wir wollen ein gutes und erfülltes Leben führen, streben Wohlstand an – und weil die Ressourcen auf der Welt begrenzt sind, beklagen sich andere, die unter unserem Reichtum leiden, über uns. Es entstehen Kriege aus Habgier und Verzweiflung. Zudem ist unser Wohlstand auf „Raubbau“ begründet. Wir fürchten zwar die Folgen des von uns verursachten Klimawandels, aber wir sind nicht bereit auf unser Auto zu verzichten. Obwohl wir das alles wahrnehmen, ändern wir doch nichts daran, weil sich jeder einzelne ohnmächtig und nicht zuständig fühlt. Wie gut erfüllen wir den Auftrag? Schlecht bis gar nicht. Denn eigentlich beuten wir die Welt für unseren Eigennutz aus, anstatt verantwortungsvoll damit umzugehen.

„Darum“, so der Gesandte, „wird der König eurer Tyrannei ein Ende bereiten.“ Was erwarten wir auch sonst? Dass der Schöpfer angesichts unserer Misswirtschaft einen gerechten Zorn auf uns hat, ist doch mehr als nachvollziehbar!

„Aber“, wenden wir vielleicht ein, „was ist an deiner Botschaft gut?“ Der Einwand ist natürlich berechtigt, schließlich war doch eingangs von Erlösung, pardon: Befreiung, die Rede. Was ist das für ein König, der aus heiterem Himmel kommt und alles vernichtet?

Während wir stehen, nachdenken und uns vielleicht auch ein wenig ärgern, beobachten wir, wie der Gesandte Kranke besucht, den Armen hilft und die Einsamen tröstet. „Ihr seht doch“, meinte er beiläufig, „dass eure Regierung doch mehr Schaden angerichtet hat, als Gutes. Mein König ist gekommen, um den Schaden wieder gut zu machen. Als Sein Gesandter erfülle ich Seinen Auftrag. Er selbst ist ja auch gekommen, um uns zu zeigen, worauf es ankommt.“

Der König ist gekommen

Der König ist gekommen, um zu dienen und um ein Vorbild zu geben. Damit ist er in diese Welt eingetreten, so wie es der Gesandte uns zeigt: Mitleidig und ohne Waffen zeigt er uns, was dem Schöpfer am Herzen liegt.

Der Gesandte erzählt uns mehr von diesem König. Der Schöpfer wurde ein Mensch, um unter uns Menschen zu leben, doch schon bei seiner Geburt war kein Platz für ihn. Die Umstände seiner Menschwerdung sind beschämend für uns, doch der Schöpfer wählte diesen Weg, weil er nicht seine Macht spielen lassen wollte, um seinen Willen durchzusetzen. Er verzichtete auf seine Macht und war bereit, in Einfachheit und Armut zu leben. Dabei achtete er weniger auf seine Bedürfnisse, sondern sah auf die Armen und Unterdrückten. Zugleich scheute er keinen Konflikt mit jenen, die vor der Welt großes Ansehen genossen. Er war ein Revolutionär, aber kein Umstürzler. Er zog sich den Hass der Welt zu.

Das ist der eigentliche Konflikt, um den es geht: Die Welt steht im Kampf gegen Gott. Die Menschen sind dabei Opfer und Täter zugleich, Getriebene einer Macht, die sie nicht begreifen und auch nicht kontrollieren können.

Der König, ihm wurde der Name Jesus gegeben, was heißt „Gott ist der Retter“, trieb aus den Menschen Dämonen aus, als er sie heilte. Stop, noch einmal. Was sind Dämonen? Hier wird uns eine Ebene der Schöpfung gezeigt, die die unsere durchdringt und doch von uns verschieden ist: Eine unsichtbare Welt mit Wesen, die ebenso Geschöpfe Gottes sind wie wir. Viele von uns spielen mit dieser Welt, wenn wir Tischerücken oder an spiritistischen Sitzungen teilnehmen, in der Hoffnung – wiederum ohne Gott – Antworten und geistliche Hilfe in unseren Nöten zu finden. Im Grunde ist unsere ganze Kultur mehr oder weniger darauf aufgebaut, das Leben ohne Gott meistern zu wollen und doch in einer Form „spirituell“ zu erfüllen. Es gibt eine Sehnsucht in uns, die sich nicht mit Materie allein abspeisen lässt. Diese Sehnsucht bringt uns unweigerlich in Verbindung mit dieser anderen Welt.

„Wenn ich die Dämonen austreibe“, sagte der König, „dann ist mein Königreich angebrochen.“ Und auch: „Lahme können gehen, Blinde sehen – Wohl dem, der sich nicht über mich ärgert.“ Der König sammelte Gefolgsleute, und denen zeigte er seine Art zu leben, die sich ganz wesentlich von dem unterschied, was sie bisher kannten. Er lebte so, als ob Gott, der Schöpfer, allein König sei. Ihm wollte er gehorchen und in seinem Sinn in dieser Welt leben. Als Mensch zeigte Gott selbst, was Gottvertrauen und Glaube bedeutet. Glaube, auch das ist so ein neues Wort. Jesus lebte den Glauben als eine persönliche Beziehung zum Schöpfer vor. Er zeigte, dass jeder Mensch einen „Draht zu Gott“ haben könne, wenn er bereit ist ihn als König anzunehmen. Er erklärte wie groß der Unterscheid zwischen Seinem Königreich und der Lebensweise der Welt sei. Wer groß sein will, soll den anderen dienen. Wer reich werden will, soll, was er hat, mit den Armen teilen. Wer die Feinde überwinden will, der soll sie mit Liebe besiegen. Statt dem Jagen nach Gütern und Besitz verwies er auf die Ordnung der Schöpfung, in der Gott alles reichlich zur Verfügung stellt.

In Seinem Reich ist alles anders.

Als der Gesandte das vor unseren ungläubigen Ohren darlegt, klingt das völlig märchenhaft und unwirklich. Der einzige Grund, warum wir weiter zuhören, ist der, dass wir an ihm sehen, was wir von ihm hören.

Gebundene werden frei

Ich blicke auf meine bisherige Lebenserfahrung, auf meine Leistungen und Errungenschaften. Und doch merke ich hier, dass die gesamte Ausrichtung des Lebens diffus ist. Wie soll ich meine Erfahrungen bewerten? Wer beurteilt meine Leistungen? Was sind meine Errungenschaften wert, wenn ich tot bin? Bin ich mir nicht selbst zum Maß aller Dinge geworden?

Wenn ich mich nun diesem König stelle? Was habe ich zu erwarten? Genau dieses Urteil, von dem der Gesandte vorher gesprochen hat. Ich habe nicht nach Gott gefragt, habe mir meine eigenen Gesetze gemacht und die Schöpfung miserabel verwaltet. An meinen Händen klebt das Blut jener, denen mein Wohlstand das Letzte genommen hat. Ich war um meines eigenen Vorteils Willen bereit und willig, Menschen zu belügen und auszunützen.

Ich merke, wie festgefahren und gebunden ich bin in meinem Charakter, meinen Gewohnheiten. Ja, es scheint so, als ob die ganze Welt von finsteren Mächten beherrscht wird, die auch mich fest im Griff haben. Selbst da, wo ich Vorsätze zur Besserung fasse, versage ich nach halbherzigen Versuchen kläglich.

Der Gesandte sagte etwas sehr Weises: „Menschen wie Du sollten gar nicht ewig leben dürfen. Ihr Tod ist eine Befreiung für die Schöpfung.“ Aber ist der Tod, mein eigener (wenngleich verdienter) Tod, wirkliche eine Gute Botschaft?

„Bist Du bereit für etwas wirklich Neues?“ fragt mich der Gesandte. Wie er das meine, antworte ich zaghaft. „Gib Dein Altes Leben auf, lass es sterben!“ provoziert er mich, und fügt hinzu: „Mein König wird dir ein neues Leben geben.“

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