Der Stein des Anstoßes ist nun einmal anstößig

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Oder glauben wir wirklich, dass unser Herr Jesus überall gut angekommen ist? Dann ist es natürlich spannend zu fragen, ob ich das nur so passiert ist, dass er Menschen irritierte oder geradezu vor den Kopf stieß. Wenn ja, dann muss man dem Herzenskenner Defizite in der Menschenkenntnis unterstellen, was in ein christologisches Dilemma führt. Wenn nein, dann war es also Absicht, und dann stellen sich weitere Fragen: Wollte Er dabei einfach nur provozieren und verletzen, weil Er die so Angesprochenen verachtete statt liebte? Oder erkannte Er, dass diese Form des Aufrüttelns notwendig ist, um dem Gegenüber eine Chance zu geben, aus der Verhärtung des Herzens heraus überführt zu werden?

In jedem Fall war das Auftreten des Herrn nicht selten anstößig. Ich will ein Beispiel geben, das mich sehr überrascht hat, weil es wohl niemanden gibt, der halbwegs wohlerzogen ist und dieses Verhalten spontan gut heißt:

Luk 11:37-54 „Indem er aber redete, bat ihn ein gewisser Pharisäer, daß er bei ihm zu Mittag essen möchte; er ging aber hinein und legte sich zu Tische. Als aber der Pharisäer es sah, verwunderte er sich, daß er sich nicht erst vor dem Essen gewaschen hatte.

Der Herr aber sprach zu ihm: Jetzt, ihr Pharisäer, reiniget ihr das Äußere des Bechers und der Schüssel, euer Inneres aber ist voller Raub und Bosheit. Toren! Hat nicht der, welcher das Äußere gemacht hat, auch das Innere gemacht? Gebet vielmehr Almosen von dem, was ihr habt, und siehe, alles ist euch rein. Aber wehe euch Pharisäern! Denn ihr verzehntet die Krausemünze und die Raute und alles Kraut, und übergehet das Gericht und die Liebe Gottes; diese Dinge hättet ihr tun und jene nicht lassen sollen. Wehe euch Pharisäern! Denn ihr liebet den ersten Sitz in den Synagogen und die Begrüßungen auf den Märkten. Wehe euch! Denn ihr seid wie die Grüfte, die verborgen sind, und die Menschen, die darüber wandeln, wissen es nicht.

Aber einer der Gesetzgelehrten antwortete und spricht zu ihm: Lehrer, indem du dieses sagst, schmähst du auch uns.

Er aber sprach: Auch euch Gesetzgelehrten wehe! Denn ihr belastet die Menschen mit schwer zu tragenden Lasten, und selbst rühret ihr die Lasten nicht mit einem eurer Finger an. Wehe euch! Denn ihr bauet die Grabmäler der Propheten, eure Väter aber haben sie getötet. Also gebet ihr Zeugnis und stimmet den Werken eurer Väter bei; denn sie haben sie getötet, ihr aber bauet [ihre Grabmäler]. Darum hat auch die Weisheit Gottes gesagt: Ich werde Propheten und Apostel zu ihnen senden, und etliche von ihnen werden sie töten und vertreiben, auf daß das Blut aller Propheten, welches von Grundlegung der Welt an vergossen worden ist, von diesem Geschlecht gefordert werde: von dem Blute Abels bis zu dem Blute Zacharias‘, welcher umkam zwischen dem Altar und dem Hause ja, sage ich euch, es wird von diesem Geschlecht gefordert werden. Wehe euch Gesetzgelehrten! Denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen; ihr selbst seid nicht hineingegangen, und die Hineingehenden habt ihr gehindert.

Als er aber dies zu ihnen sagte, fingen die Schriftgelehrten und die Pharisäer an, hart auf ihn einzudringen und ihn über vieles auszufragen; und sie lauerten auf ihn, etwas aus seinem Munde zu erjagen.“

Zuerst einmal hielt sich der Herr nicht an die Sitte, gewaschen zum Essen zu erscheinen. Gemeint sind die vorgeschriebenen Ritualbäder, welche besonders die Pharisäer sehr ernst nahmen und von denen viele Mikves in Jerusalem heute noch zeugen. Der Herr gibt dafür keine Erklärung ab, entschuldigt sich nicht dafür, sondern setzt zu einer harten Rede an. Wohlgemerkt: Er ist Gast in diesem Haus!

Der Gast und die anderen Gäste empfanden Jesu Worte als Schmähung. Waren sie das? Wie hätten wir in dieser Situation empfunden, an Stelle des Gastgebers oder eines Mitbetroffenen? Die Reaktion war dann auch deutlich: Sie drangen hart auf Ihn ein. Ich könnte mir Aussagen vorstellen wie: „Was bildest du dir ein?! Wer gibt dir das Recht dazu?! Was glaubst du, wer du bist?!“

Wahrscheinlich wären wir versucht, den Herrn nachher zur Seite zu nehmen und zu erklären, dass man das so doch nicht machen könne.

In all dem weichen wir aber dem Kern der Sache aus: Hatte der Herr mit Seinen Anklagen recht? Es waren, was wir heute ja ebenso ablehnen, Pauschalverurteilungen und Generalisierungen. Hier will ich eine Lanze für solche Generalisierungen brechen: Es geht gar nicht anders, als Gruppen von Menschen, Tieren oder Dingen nach hervorstechenden Merkmalen, welche die Gruppe kennzeichnen, zu beschreiben. In solch einem Pauschalurteil wird stillschweigend vorausgesetzt, dass der Einzelne von Teilen der Beschreibung ausgenommen ist; es gehört zu einem intelligenten Umgang mit solchen Generalisierungen, dies mit zu berücksichtigen, wenn man sie ausspricht oder hört. Diese Intelligenz ist unserer Generation weitgehend abhanden gekommen (Pauschalurteil), weshalb sie solches prinzipiell ablehnt und jede Kritik in der verwirrenden Vielfalt und Fülle der Einzelfälle versickern lassen will.

Der Herr macht nun diese Generalisierung, doch aus dem Neuen Testament wissen wir, dass auch unter den Pharisäern aufrichtige und lobenswerte Menschen waren (Nikodemus, Josef von Arimathäa, Gamaliel).

Die Zuhörer fühlten sich angesprochen, bezogen die Kritik durchaus auf sich. Wohlgemerkt: Sie stritten nichts davon ab! Das zeigt, dass es um sehr offensichtliche Dinge ging, über die man vielleicht aus Respekt, aus Furcht, aus Scham selbst nicht besser zu sein oder aus Contenance nicht offen redete, wodurch sich der „Sauerteig der Pharisäer“ (Mat 16:11) ungehindert ausbreiten konnte. Weil es keiner ansprach, sprach der Herr es aus, und zwar in einer Schärfe und Klarheit, welche der Schwere der Vorwürfe angemessen war, denn durch ihr Verhalten hinderten die Pharisäer die Juden daran errettet zu werden (Luk 11:52).

Betrachtet man die Wirkung dieser Rede, so darf man nicht bei der unmittelbaren Reaktion stehen bleiben; denn obwohl sie hier nicht angenommen wurde, gab es doch am Ende auch im Hohen Rat Jünger des Herrn, die sich jedoch nicht offen bekannten (Joh 12:42). In der Apostelgeschichte lesen wir dann davon, dass auch viele der Pharisäer gläubig wurden (Apg 15:5), nicht zuletzt Paulus war einer von ihnen (Phil 3).

Halten wir fest: Die Vorwürfe waren wahr, die Vergehen wogen schwer, einige ließen sich schlussendlich dadurch zur Umkehr leiten. Hätte er mehr Erfolg gehabt, wenn Er sanfter vorgegangen wäre? Wäre konzilianter gewesen, hätte er das zu Lobende vorangestellt, um sie freundlich zu gewinnen? Ich glaube nicht. Ich glaube nicht, dass Sünder mit Schmeichelreden gewonnen werden können, sondern dass ein Ruck durch das Herz gehen muss (Apg 3:37) – oder waren die Reden Johannes des Täufern zimperlich? Am Ende kostete seine prophetische Schärfe ihm den Kopf, und dennoch machte Gottes Wort ihm diesbezüglich keinen Vorwurf, sondern lobte ihn als den größten Propheten des Alten Bundes.

Was bedeutet das für uns? Wir leben in einer Gesellschaft, wo Kritik sehr rasch als Hassrede und Hetze aufgefasst wird – wir sind umgeben von Mimosen, die solch ein Anprangern von Sünde nicht ertragen wollen. Und doch sind gerade unsere Zeitgenossen die hemmungslosesten Sünder, die sich jede Regel, jedes Gesetz, jede Einschränkung verbitten und ihre individuelle Selbstverwirklichung über alle Werte stellen. Wie sollen wir predigen?

Der Herr sagte, er sei nicht gekommen, den Frieden zu bringen:

Mat 10:34-36 „Wähnet nicht, daß ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater, und die Tochter mit ihrer Mutter, und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.“

Die Botschaft des Evangeliums spaltet und entzweit. Es ist keine freundliche Schmeichelrede und es gibt keine falsche Rücksichtnahme in der Liebe und Gnade Gottes.

Mat 10:37 „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig;“

Der Herr verbietet in diesen Worten jede falsche Rücksichtnahme, und Er macht uns auch auf die Konsquenzen unzweideutig aufmerksam:

Mat 10:38-39 „und wer nicht sein Kreuz aufnimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig. Wer sein Leben findet, wird es verlieren, und wer sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden.“

Was, wenn wir das nicht tun? Wenn wir mit nobler Zurückhaltung und in Rücksicht auf die political correctness alles vermeiden, was Menschen vor den Kopf stoßen könnte? Dann stehen wir nicht in der Nachfolge des Herrn. Der Herr war kein Mensch der Konfliktvermeidung, Er brachte das Schwert, welches eine Angriffswaffe ist, welches das Herz, die Gedanken und Gesinnung unterscheidet (Eph 6:17, Heb 4:12). Wir zerstören, wir nehmen gefangen – nämlich alle Widersprüche gegen Gott, damit jeder Gedanke unter den Gehorsam gegenüber Gott gebracht wird (2.Kor 10:5). Das ist unser geistlicher Kampf, das ist es, was Predigt des Evangeliums bedeutet.

Wir predigen einen Stein des Anstoßes und einen Fels des Ärgernisses:

1.Petr 2:7-8 „Euch nun, die ihr glaubet, ist die Kostbarkeit; den Ungehorsamen aber: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, dieser ist zum Eckstein geworden“, und „ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses“, die sich, da sie nicht gehorsam sind, an dem Worte stoßen, wozu sie auch gesetzt worden sind.“

Das Wort ist anstößig, der Herr ist anstößig, folglich muss unsere Predigt anstößig sein, vor den Kopf stoßen, verstören, herausfordern, irritieren, verletzen, um hernach verbinden und heilen zu können. Kann man das von unserer Predigt behaupten?

Natürlich sollen wir gleichermaßen die Sanftmut und Demut des Herrn lernen, in Liebe auf die Verworfenen und Armen zu gehen, den Menschen Gottes Nähe und Wohlgefallen vermitteln. All das tat der Herr, all das betonte Er sehr, doch es ist erstaunlich, wie oft Er scheinbar das Gegenteil dessen tat – nicht nur das eine mal, als Er den Tempel mit einer Peitsche reinigte. Es ist nur ein scheinbarer Gegensatz, und selbstverständlich ist es nicht immer und überall angemessen, so zu reden wie der Herr mit den Pharisäern es tat. Es muss wohl unterschieden werden, zwischen schwachen Sündern, die Gott suchen, und religiösen Führern, welche jenen den Weg zu Gott versperren. Dazu muss man sich – wie der Herr – von Gott leiten und führen lassen; und das will geübt sein, weshalb wir Fehler machen werden. Dann sollen wir uns entschuldigen wie Paulus dies vor dem Hohepriester tat (Apg 23:3-5), aber nicht die gebotene Schärfe an sich in Zweifel ziehen.

Es gibt keinen Waffenstillstand mit der Welt – wer die Freundschaft der Welt sucht, erweist sich als ein Feind Gottes (Jak 4:4). Darum haben wir bei der Welt auch keine Anerkennung zu suchen und zu erwarten, denn die wird uns nur gewährt auf Basis der Toleranz und der Akzeptanz. Wer der Welt die Hand reicht, wird von ihr an die Leine genommen.

Möglicherweise nötigen uns diese Zeilen, unser Bild vom Herrn Jesus zu ergänzen oder zu revidieren. Meine Bitte an alle Leser lautet, diesen Aufsatz nicht vorschnell als extrem oder radikal abzuwerten, sondern zu prüfen, wie oft und wie heftig der Herr, Seine Apostel und Propheten den Unterschied zwischen Licht und Finsternis, Wahrheit und Lüge, Leben und Tod, Heil und Verdammnis deutlich gemacht haben.

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