Die Mennoniten

Mennonitische Kinder

 

Wie die Mennoniten entstanden sind

Die Mennonitengemeinden der Schweiz (früher offiziell als Altevangelische Taufgesinnte bezeichnet, bisweilen auch als „Alttäufer“) gehen zurück auf die Täuferbewegung der Reformationszeit im frühen 16. Jahrhundert. Sie gelten als älteste protestantische Freikirche. Anders als das mit obrigkeitlichem Zwang durchgesetzte Modell der Volkskirche schwebte den Taufgesinnten eine auf freiwilliger Mitgliedschaft basierende, obrigkeitsunabhängige Gemeinde vor. Im Januar 1525 begannen darum einige ehemalige Mitarbeiter und Freunde Zwinglis in Zürich mit der Taufe von Erwachsenen, welche auf diese Weise freiwillig ihren Glauben bezeugten.

Etwa zur gleichen Zeit entstanden auch andernorts in Europa ähnliche Bewegungen, welche man insgesamt als «Radikale Reformation» bezeichnet.

Der Zorn der Mächtigen

Durch ihre Kritik an einer in ihren Augen unheilvollen Allianz von Kirche und Obrigkeit zogen Täuferinnen und Täufer bald den Zorn der Mächtigen auf sich. Trotz rasch einsetzender Verfolgung verbreitete sich die nach einem ihrer Leiter – dem Niederländer Menno Simons (1496-1561) – zunehmend auch als «Mennoniten» bezeichnete Bewegung der «Wiedertäufer» vorerst aber recht rasch quer durch Europa und später auch nach Nord- und Südamerika. Gefängnis, Folter, Güterkonfiskation, Verbannung und Hinrichtung trieben das Täufertum aber immer mehr in die Isolation. Dies half mit, den Boden zu bereiten für wachsende gesellschaftliche Absonderung und eine bisweilen auch theologische Enge mit teils schmerzhaften Fehlentwicklungen. Interne Konflikte führten 1693 zur Entstehung der strengeren und der Welt abgewandteren Bewegung der Amischen.

Vertreibung aus Zürich – Weiterbestand im Bernbiet

Aus Zürich ist dieser Flügel der «Radikalen Reformation» nach einem erneuten Aufblühen im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert durch intensive Verfolgung bis 1700 fast völlig von der Bildfläche verschwunden. Ähnliches gilt für das vorerst zahlreiche Täufertum in der Ostschweiz, in Basel und in Solothurn. Nur im Bernbiet konnten sich täuferische Gemeinden trotz intensivster Verfolgung beharrlich halten bis in die Gegenwart. Spuren täuferischen Glaubens mit schweizerischen Wurzeln – auch aus Bern! – ziehen sich aber mittels Auswanderung und Flucht vorerst nach Mähren, sodann vor allem ins benachbarte Bistum Basel, ins Elsass, in die Pfalz und nach Nordamerika, wo noch heute Zehntausende von Nachfahren jener frühen Emigranten leben und nicht selten immer noch Mitglieder täuferisch-mennonitischer Kirchen sind.

Wiedererstarken

Erst mit der Aufklärung und der Französischen Revolution begann in Europa der äußere Druck nachzulassen. Einflüsse aus Pietismus und Erweckungsbewegungen im 18. und 19. Jahrhundert ließen die täuferischen Gemeinden anwachsen und zu neuem geistlichem Leben finden, verstärkten aber auch den Rückzug als «Stille im Lande». Mit dem Hineinwachsen in eine zunehmend tolerante und pluralistische Gesellschaft im 20. Jahrhundert stellt sich heute die Frage nach der eigenen kirchlichen und theologischen Identität auch den täuferisch mennonitischen Gemeinden immer wieder mit großer Dringlichkeit.

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Wo Mennoniten heute leben

Eine kontinuierliche Präsenz täuferisch-mennonitischer Gemeinden von den Anfängen bis in die Gegenwart gibt es in der Schweiz nur im Kanton Bern. Im Emmental, in den Agglomerationen Bern und Biel sowie im Neuenburger Jura gibt es je eine Gemeinde, im Kanton Jura zwei, im Raum Basel drei und im Berner Jura fünf Gemeinden.

Diese 14 in der «Konferenz der Mennoniten der Schweiz» (bis 1983 „Konferenz der Altevangelisch Taufgesinnten-Gemeinden“) zusammengefassten Gemeinden zählen insgesamt etwa 2500 Mitglieder, weltweit gibt es derzeit etwas mehr als eine Million mennonitische Christinnen und Christen auf allen Kontinenten! Besonders zahlreich sind sie außerhalb Europas in den USA und Kanada, in der Demokratischen Republik Kongo, in Indien und Indonesien sowie in Paraguay und Mexiko.(Die Baptisten sowie die Evangelischen Täufer-Gemeinden («Neutäufer») gehören zwar ebenfalls zur Gruppe täuferischer Kirchen in der Schweiz, haben aber andere historische Wurzeln!)

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Was Mennoniten glauben

Immer wieder haben maßgebliche Vertreter der evangelischen Landeskirchen festgestellt, dass es – entsprechend den gemeinsamen Wurzeln in der Reformation – «in den Hauptstücken des Glaubens» kaum Differenzen zum Täufertum gebe. Welches waren denn nun aber gleichwohl diejenigen täuferischen Überzeugungen und Verhaltensweisen, welche auch schweizerische Obrigkeiten und Kirchen jahrhunderte lang nicht dulden zu können glaubten? Welches waren die Herausforderungen und Fragen, mit denen eine meist erstaunlich geringe Anzahl täuferischer Männer und Frauen ihre Zeitgenossen in einem Ausmaß verunsichert hat, welches heute zu überraschen vermag?

  • Erstens stellte das freikirchliche Gemeindemodell der Taufgesinnten eine permanente Anfrage dar an die verschiedenen Typen von Landeskirchen, wie sie auch in der Schweiz jahrhunderte lang exklusiv und in engster Symbiose mit den politischen Obrigkeiten bestanden haben. Mit der täuferischen Verweigerung des Eides sollte dokumentiert werden, dass man bedingungslosen Gehorsam nur Gott, nicht aber irdischen Machthabern zu leisten gewillt war.
  • Die auf Freiwilligkeit beruhende Kirchenmitgliedschaft beim Täufertum stellte zweitens ganz generell die Frage nach der Glaubens- und Gewissensfreiheit: In den Augen der frühneuzeitlichen Gesellschaft war Kirchenmitgliedschaft und regelmäßiger Kirchgang unabdingbare Bürgerpflicht. Für die Taufgesinnten jedoch war beides gebunden an eine persönliche freiwillige Glaubensüberzeugung und die Bereitschaft, dieselbe im eigenen Leben konkret umzusetzen.
  • Drittens waren sie überzeugt, dass bei den Gläubigen etwas von diesem«Leben in Christus» auch äußerlich sichtbar werden würde. Gottes Geist ist eine verändernde Kraft, die tatsächlich Neues zu schaffen vermag! Das eigene Leben sollte bei aller Gebrochenheit abzudecken versuchen, was man glaubte. Diese Konsequenz, dieser Mut auch zum Nonkonformismus, hat auf Außenstehende offenbar immer wieder eindrücklich und glaubwürdig gewirkt!
  • Viertens spielte beim Einüben dieses veränderten Lebensvollzugs die Gemeinde eine Schlüsselrolle. Sie ist der Ort konkreter Versöhnung und Entscheidungsfindung, Ort der Ermutigung und der Korrektur: An und in der Gemeinde sollen Menschen erleben oder erahnen können, was Liebe und Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Friede als gute Gaben Gottes an die Menschen sind.
  • Wichtig ist fünftens der Gedanke des «Priestertums aller Glaubenden» und damit eine Aufwertung und Hochachtung der einzelnen Gläubigen. Dahinter steckt die Überzeugung, dass kein Gemeindeglied über alle, aber jedes über einige Begabungen verfügt. Nur im Zusammenwirken aller vorhandenen Einsichten und Fähigkeiten kann Gemeinde Jesu sein und werden!
  • Sechstens zeichneten sich täuferische Gemeinschaften immer wieder aus durch ungewohnte und neuartige Formen geschwisterlicher Solidarität – etwa durch eine systematische Fürsorge für die Armen innerhalb der eigenen Gemeinde, bisweilen auch darüber hinaus.
  • Was siebtens immer wieder Anlass zu Verfolgung bot, das war dieVerweigerung von Kriegsdienst. Wo die meisten christlichen Kirchen recht unkritisch die militärischen Aktionen ihrer Regierungen absegneten, da hielten die Taufgesinnten etwas von der Erinnerung an einen Gott wach, der in Jesus Christus lieber sich selbst dahingab, als mit Macht und Gewalt seine Feinde zu vernichten.

Kehrseiten und neue Herausforderungen

All dies sind Anliegen, welche die Täuferbewegung quer durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder vertreten hat – zurzeit und zur Unzeit! Manches davon ist auch bei ihr mittlerweile verloren gegangen oder in den Hintergrund gerückt.

Es darf auch nicht verschwiegen werden, dass gerade die Täufergeschichte voller schmerzhafter Belege ist, dass sämtliche der oben positiv formulierten Anliegen auch ihre Kehrseite haben können. Der täuferische Mut zur Nicht-Anpassung hat bisweilen zu selbstgefälliger Besserwisserei, zu notorischem Querulantentum und zu einem Rückzug aus der Welt ins fromme Ghetto geführt; die täuferische Betonung von «Früchten der Busse» und eines veränderten Lebens in Christus hat bisweilen zu einer krankmachenden Leistungsfrömmigkeit und unbarmherziger Gesetzlichkeit geführt. In ihrem guten und biblisch berechtigten Sinne sind mittlerweile manche dieser Anliegen auch von nicht-täuferischen Kirchen und Gruppierungen aufgegriffen worden.

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Heute sind wohl alle Kirchen Minderheiten

Das Zeitalter der Kirche als einer triumphierenden Mehrheit nach konstantinschem Muster scheint vorbei zu sein – auch für Landeskirchen. Heute bewegt wohl alle Kirchen die Frage, was es heißt, als Minderheit in einer pluralistischen und individualistischen Zeit «Licht und Salz» zu sein. Das eröffnet neue Perspektiven: Sowohl Gefährdungen als auch Chancen. Täuferische Geschichte und Gegenwart weiß um beides. Dies mag für manche ein Ansporn zur Auseinandersetzung mit ihr sein.

Möge es uns hüben wie drüben besser als in früheren Zeiten gelingen, miteinander im Blickfeld zu behalten, dass all unser theologisches Erkennen, all unsere geistlichen Erfahrungen und all unsere kirchlichen Lebens- und Frömmigkeitsformen bloß Stückwerk sind – und es letztlich durchaus auch sein dürfen (1. Kor 13). Gerade diese Einsicht würde uns frei machen, von anderen zu lernen und unser jeweiliges Anderssein weder als Bedrohung zu sehen noch es gegeneinander auszuspielen, sondern als kritische Herausforderung und hilfreiche Ergänzung füreinander und miteinander zu leben.

 

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