Die Qual der Wahl?

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Christ und Politik – ein heißes Eisen. Sollen wir uns an Wahlen beteiligen? Sollen wir uns selbst zur Wahl stellen und uns politsch in der Welt engagieren? Diese Fragestellungen ergeben sich ja erst im Rahmen einer Demokratie, die es in neutestamentlichen Zeiten so noch nicht gab. Es gibt also keinen einfachen Bibelvers, der uns sagt: „Beteilige dich (nicht) an Wahlen“, oder gar was wir wählen sollten. Wie sollen wir hier vorgehen?

Folgender Text gilt zuerst einmal grundsätzlich im Rahmen jeder weltlichen Regierungsform. Daraus kann man ein Prinzip ableiten, was ich im Anschluss tun werde. Weiters gibt es einige Fragen, die mit „Vereinbarkeiten“ zu tun haben, die uns auch helfen, eine gute Entscheidung zu treffen. Zuerst der Text:

1.Petr 2,11-13  „Geliebte, ich ermahne euch als Gäste und Fremdlinge: Enthaltet euch der fleischlichen Begierden, die gegen die Seele streiten; und führt einen guten Wandel unter den Heiden, damit sie da, wo sie euch als Übeltäter verleumden, doch aufgrund der guten Werke, die sie gesehen haben, Gott preisen am Tag der Untersuchung. Ordnet euch deshalb aller menschlichen Ordnung unter um des Herrn willen.“

  1. Unser Status als Gäste und Fremdlinge:
    Wir bekennen Christus als König (Apg 2,36; Apg 17,6) und sind Bürger Seines Konigreichs (Phil 3,20). Sein Reich ist nicht von dieser Welt (Joh 18,36) – wir sind deshalb auch nicht von dieser Welt (Joh 17,16). Auch wenn die Welt uns noch als Teil ihrer Wirklichkeit betrachtet, so soll unser Selbstbild doch das von Fremden und Gästen in dieser Welt sein.
  2. Wir betrachten uns als Fremdlinge ohne Bürgerrecht auf Erden:
    Wir stehen in der Nachfolge der Glaubenshelden und Patriarchen, die ebenso Fremde in dieser Welt waren. Von ihnen heißt es: Diese alle sind im Glauben gestorben, ohne das Verheißene empfangen zu haben, sondern sie haben es nur von ferne gesehen und waren davon überzeugt, und haben es willkommen geheißen und bekannt, daß sie Gäste ohne Bürgerrecht und Fremdlinge sind auf Erden;  denn die solches sagen, geben damit zu erkennen, daß sie ein Vaterland suchen. Und hätten sie dabei jenes im Sinn gehabt, von dem sie ausgegangen waren, so hätten sie ja Gelegenheit gehabt, zurückzukehren; nun aber trachten sie nach einem besseren, nämlich einem himmlischen. (Heb 11,13-16) Sie werden mit uns und wir mit ihnen vollendet (Heb 11,39), weshalb wir dieselbe Hoffnung, dieselbe Sehnsucht nach demselben Vaterland haben und unsere Stellung in dieser Welt genauso sehen: Wir distanzieren uns von unserem irdischen Bürgerrecht.
  3. Der Gebrauch des Bürgerrechts durch Paulus:
    Das bedeutet nicht, dass wir im Falle einer Rechtsangelegenheit auf unser irdisches Recht verzichten müssen, wie auch Paulus sich einmal vor Gericht auf sein römisches Bürgerrecht berief (Apg 22,25-27). Von diesem Recht machte er aber nicht immer Gebrauch, sondern offenbarte diesen Umstand einmal auch erst nach der erlittenen Misshandlung (Apg 16,37). Wichtig ist jedoch, dass die Praxis des Paulus auf für uns nicht völlig nachvollziehbaren Überlegungen beruht und das grundlegende Prinzip, dass wir Gäste und Fremde ohne irdischem Bürgerrecht sind, nicht aufhebt. Dieses steht über den Beispielen des Paulus, wie wir aufgrund seines Streites mit Barnabas (Apg 15,36-39) nicht ableiten können, dass solch ein harter Streit Gott wohlgefällig sei.
  4. All das sagt uns nichts über Wählen und Nichtwählen:
    So wie man aus dem Verhalten des Paulus nicht ableiten kann, dass Christen bedenkenlos wählen gehen können (oder sich gar selbst wählen lassen können), kann man daraus das aktive Wahlrecht nicht kategorisch ausschließen. Denn die Bibel sagt uns nichts direkt über Demokratie und das Verhältis von Christen dazu.
  5. Das passive Wahlrecht ist für uns ausgeschlossen:
    Während in dieser Welt in bestimmten Zusammenhängen auch Ausländer wählen können, können Ausländer in der Regel dennoch keine Regierungsverantwortung übernehmen.
  6. Eine Frage der Loyalität:
    Das Bürgerrecht in einem Land ist einerseits ein Privileg, andererseits aber auch eine Loyalitätsbeziehung. Da unsere erste Loyalität dem Reich Gottes und Seiner Gerechtigkeit gilt (Mat 6,33), achten wir auch die Gesetze Gottes für höher als die Gesetze der Welt (Apg 5,29). Nicht nur, dass es Christen verboten ist, Eide zu leisten (Mat 5,33-37; Jak 5,12), ist es uns unmöglich Eide zu leisten, die einen bedingungslosen Gehorsam gegenüber weltlichen Gesetzen fordern (Fahneneide, Angelobung als Regierungsmitglieder, u.ä.). Dadurch brächten wir zum Ausdruck, dass die Staatsgewalt absolut ist, doch Gottes Wort steht über jedem Staat.

All das lässt sich also aus unserer grundsätzlichen Stellung in der Welt aufgrund unserer Bürgerschaft im Reich Gottes ableiten. Es gibt aber weitere Aspekte, die mit Unvereinbarkeiten zu tun haben, die zwar nicht auf unmittelbare Bibelverse zurückzuführen sind, aber auf biblische Prinzipien, die uns wertvoll sein sollten.

  1. Gott setzt Obrigkeiten ein:
    Alle Obrigkeit ist von Gott (Röm 13). Dieser Grundsatz durchzieht die ganze Schrift und schließt Herrscher wie Nebukadnezar (Dan 4), Nero (Röm 13) ein, deren Charakter zum Teil mehr als bedenklich war. All diesen sollen wir uns unterordnen, sofern wir dadurch nicht Gottes Gebote übertreten (Apg 5,29). Christen dürfen sich deshalb auch an keinen Revolutionen beteiligen.
  2. Demokratie ist die Antithese zur Ordnung Gottes:
    Seit 1776 in den USA die Demokratie gewaltsam eingeführt wurde, gefolgt von der französischen Revolution 1789, wird der Ordnung Gottes aus Röm 13 direkt widersprochen: „Das Recht geht vom Volk aus!“ Das ist unbiblisch und basiert auf freimaurerischen und antiklerikalen Ideologien, die sich im Zuge der „Aufklärung“ Bahn brachen.
  3. Demokratische Demontage der Ordnung Gottes:
    Nicht nur das von Gott bestätigte und eigesetzte Königtum wurde in der Demokratie verworfen. Die Summe der Sünder stimmt nun demokratisch über die Werte und Gesetze in der Republik ab. Die Folge ist ein gesamtgesellschaftlicher Werteverfall, der den Unglauben und den Gotteshass dieser Welt widerspiegelt, der bereits in dem Satz „Das Recht geht vom Volk aus [und nicht von Gott]!“ zum Ausdruck kommt.
  4. Widerstreit der Idologien:
    Wo aber Gott nichts gilt, triumphieren die Ideologien der Menschen, die nun in Form verschiedener Parteien (= Parteiungen, Spaltungen), die Gesellschaft spalten und um demokratische „Legitimation“ buhlen. Es gilt prinzipiell, dass keine der derzeit zBsp in Österreich antretenden Parteien mit einem genuin christlichen Programm antreten – das letzte auf christlichen Werten beruhende Staatssystem war der ständestaatliche Versuch von Dollfuß, der im Bürgerkrieg gegen die Austromarxisten und durch ein Nazi-Attentat unterging. Bis heute herrscht unter den „staatstragenden“ Parteien ein Streit, wie die Ereignisse der 1930er Jahre zu deuten sind. Doch auch hier gab es dieselben grundsätzlichen Missverständnisse im Verhältnis des Christen zur Welt, sodass der Ständestaat (od. Austrofaschismus) für uns kein zu erstrebendes Modell sein kann.
  5. Christliche Pateien sind grundsätzlich ein Minderheitenprogramm:
    So bemüht manche christlichen Idealisten sind, so undenkbar ist es, dass eine Partei mit dezidiert christlichem Programm auch nur annähernd mehrheitsfähig ist, da zumindest in Österreich der Anteil der ernsthaften Christen unter der Schwelle liegt, die nötig ist, um überhaupt in den Nationalrat einziehen zu können. Außerdem widerspricht der Versuch christlicher Politik unserem Status als Fremde und Gäste ohne Bürgerrecht.
  6. Das kleinste Übel wählen:
    So klar es ist, dass Christen keiner Partei uneingeschränkte Zustimmung zu ihrem Programm geben können, so fragwürdig ist auch der Ansatz, das geringste Übel zu wählen. Denn damit drückt man doch aus, dass man ein Übel wählt – wo wir doch Unreines nicht anrühren sollen (2.Kor 6,17).
  7. Parteiergreifen und sich Ereifern:
    Zu den Versuchungen besonders der Wahlkampfzeit gehört das Mithineingezogen werden in die Gehässigkeiten desselben. Hassreden und Lügen werden verbreitet und allzu leicht ungeprüft wiedergegeben, sodass man sich mitschuldig macht. Echtes Interesse an der Politik geht oft mit Leidenschaft Hand in Hand, und Leidenschaft führt allzu oft zu Unbeherrschtheit. Das steht einem Christen nicht gut an.
  8. Politstreit in der Gemeinde:
    Erlaubt man in einer Gemeinde den Gliedern zur Wahl zu gehen, so muss man gleichzeitig streng verbieten, untereinander darüber zu reden, da sehr oft der weltliche Eifer und Streit in die Gemeinde hineingetragen werden, sodass der Bruder, der links wählt, die Schwester, die rechts wählt, in Diskussionen verwickelt, die in veritable Krisen und Entfremdung münden können. Das ist nicht gut.
  9. Der Blankoscheck:
    Wer seine Stimme einer Partei gibt, weil er ihr Programm oder ihre Wahlversprechen akzeptabel findet, wird oft enttäuscht werden, weil sie sich nicht daran hält. Die abgegebene Stimme gilt den Politikern oft wie ein Blankoschek; sie berufen sich darauf, das soundsoviele Wähler hinter ihnen stehen, obwohl die meisten derselben deren konkrete politische Entscheidung ablehnen. 1994 stimmten über 66% der Österreicher für den EU-Beitritt. Seit offenbar ist, dass viele der damaligen Versprechen gebrochen wurden, bereuen viele davon ihre einstige Wahlentscheidung und sind dennoch voll mitverantwortlich! Das Kreuzerl am Stimmzettel ist irreversibel.

Ja aber – sollen wir nicht mitgestalten und der Stadt Bestes suchen (Jer 29,7)? Gerne beruft man sich auf diesen Vers, um unser Mitwirken in der Politik „biblisch“ zu begründen, ohne ihn zu Ende zu zitieren:

Jer 29,7: Und sucht den Frieden (oder das Beste) der Stadt, in die ich euch weggeführt habe, und betet für sie zum Herrn; denn in ihrem Frieden werdet auch ihr Frieden haben!

Es gibt so viele (auch Christen), die ihre Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit auf politischem Weg verwirklichen wollen. Da versucht man aber das Reich Gottes auf weltliche Weise zu bauen – denn Gerechtigkeit und Frieden gibt es nur im Rahmen des Reiches Gottes. Stattdessen haben wir einen klaren Auftrag (a) uns unterzurordnen und (b) für die jeweiligen Obrigkeiten zu beten.

Glauben wir, dass Gebet politisches Handeln ist? Was beten wir denn, wenn wir sagen „Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, auf Erden wie im Himmel“? Wir beten das Ende aller menschlichen politischen Versuche herbei; wir beten um das Kommen des Königs, unseres Herrn Jesus Christus, in Macht und Herrlichkeit. Das ist hochpolitisch! Warum sollen wir uns aber für etwas ereifern, das wir eigentlich täglich wegbeten?

Weiters beten wir für die Obrigkeit, damit sie einen Rahmen für das Leben der Gemeinde bietet, in dem wir unseren gottgegebenen Auftrag erfüllen können:

1.Tim 2,1-4  So ermahne ich nun, daß man vor allen Dingen Bitten, Gebete, Fürbitten und Danksagungen darbringe für alle Menschen, für Könige und alle, die in hoher Stellung sind, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Gottesfurcht und Ehrbarkeit; denn dies ist gut und angenehm vor Gott, unserem Retter, welcher will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Unser Gebet mischt sich nicht in die Tagespolitik ein. Wir konzentrieren uns dabei auf das Wesentliche und lassen uns vom Gewirr der Stimmen dieser gottlosen Welt nicht irremachen und nicht mitreißen. Wir haben einen Auftrag, eine Botschaft zu verkünden. Darum sollen wir alles ablegen, was uns umstrickt und behindert, was unsere Gedanken bindet und unsere Emotionen in ungesunder Weise aufwallen lässt.

Der Welt kann nichts Besseres geschehen, als Christen, die ihren Auftrag ohne Ablenkung ausführen.

Der Herr ist König. Er kommt bald.

P.S.: Ich habe selbst etwas über zwei Jahre lang geglaubt, christliche Politik sei möglich, an Parteiprogrammen mitgearbeitet und mich in Wahlkämpfen engagiert. Ich kenne das System auch etwas von innen und habe mich nach reiflicher Überlegung davon wieder distanziert. Nicht, weil es nicht funktioniert, sondern weil es nicht biblisch ist.

Mit diesem Artikel sei nicht gesagt, dass Wählengehen Sünde sei; aber ich empfehle es nicht mehr. Wenn doch, dann muss man sich der beschriebenen Unvereinbarkeiten bewusst sein und in all dem eine gesunde innere Distanz bewahren.

Der allmächtige Herr gebe uns allen Weisheit und einen Eifer in der rechten Erkenntnis Seines Sohnes, des Königs aller Könige. Sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. (Br. A.)

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