Die Schleitheimer Artikel 1527

(Die begleitenden Briefe haben wir hier nicht wiedergegeben, sondern lediglich die sieben Punkte, auf die sich die Täufer in Schleitheim 1527 verpflichtet haben)

 

Erstens merkt euch über die Taufe:

Die Taufe soll allen denen gegeben werden, die über die Buße und Änderung des Lebens belehrt worden sind und wahrhaftig glauben, dass ihre Sünden durch Christus hinweggenommen sind, und allen denen, die wandeln wollen in der Auferstehung Jesu Christi und mit Ihm in den Tod begraben sein wollen, auf dass sie mit Ihm auferstehen mögen, und allen denen, die es in solcher Meinung von uns begehren und von sich selbst aus fordern.

Damit wird jede Kindertaufe ausgeschlossen, des Papstes höchster und erster Gräuel. Dafür habt Ihr Beweise und Zeugnisse in der Schrift und Beispiele bei den Aposteln (Mat 28, Mk 16, Apg 2.8.16.19). Dabei wollen wir einfältig, aber doch fest und mit Gewissheit bleiben.

 

Zweitens haben wir uns folgendermaßen über den Bann geeinigt:

Der Bann soll bei allen denen Anwendung finden, die sich dem Herrn ergeben haben, in seinen Geboten zu wandeln, und bei allen denen, die in den einen Leib Christi getauft worden sind, sich Brüder oder Schwes­tern nennen lassen und doch zuweilen ausgleiten, in einen Irrtum und eine Sünde fallen und unversehens überrascht werden. Dieselben sollen zweimal heim­lich ermahnt und beim dritten Mal öffentlich vor der ganzen Gemeinde zurechtgewiesen oder gebannt werden nach dem Befehl Christi.

Das aber soll nach der Anordnung des Geistes Gottes vor dem Brotbrechen geschehen, damit wir alle ein­mütig und in einer Liebe von einem Brot brechen und essen können und von einem Kelch trinken.

 

Drittens, was das Brotbrechen anbelangt, sind wir uns einig geworden und haben folgendes vereinbart:

Alle, die ein Brot brechen wollen zum Gedächtnis des gebrochenen Leibes Christi, und alle, die von einem Trank trinken wollen zum Gedächtnis Seines vergos­senen Blutes, die sollen vorher zu einem Leib Christi vereint sein, das ist die Gemeinde Gottes, an welcher Christus das Haupt ist, nämlich durch die Taufe. Denn wie Paulus sagt, können wir nicht zugleich am Tisch des Herrn und am Tisch der Dämonen teilhaben. Wir können auch nicht zugleich teilhaben am Kelch des Herrn und am Kelch der Dämonen und davon trinken. Das heißt: Alle, die Gemeinschaft ha­ben mit den toten Werken der Finsternis, die haben kein Teil am Licht, ebenso alle, die dem Teufel folgen und der Welt, die haben kein Teil mit denen, die aus der Welt zu Gott berufen sind. Alle, die dem Bösen verfallen sind, haben kein Teil am Guten.

So soll und muss es auch sein: Wer nicht die Berufung des einen Gottes zu einem Glauben, zu einer Taufe, zu einem Leib zusammen mit allen Kindern Gottes hat, der kann auch nicht mit ihnen zu einem Brot werden, wie es doch sein muss, wo man das Brot in der Wahrheit nach dem Befehl Christi brechen will.

 

Viertens haben wir uns über die Absonderung geeinigt:

Sie soll geschehen von den Bösen und vom Argen, die der Teufel in der Welt gepflanzt hat, damit wir ja nicht Gemeinschaft mit ihnen haben und mit ihnen in Gemeinschaft mit ihren Gräueln laufen. Das heißt, weil alle, die nicht in den Gehorsam des Glaubens getreten sind und die sich nicht mit Gott vereinigt haben, dass sie Seinen Willen tun wollen, ein großer Gräuel vor Gott sind, so kann und mag nichts anderes aus ihnen wachsen oder entspringen als gräuliche Dinge. Nun gibt es nie etwas anderes in der Welt und in der ganzen Schöpfung als Gutes und Böses, gläubig und ungläubig, Finsternis und Licht, Welt und solche, die die Welt verlassen haben, Tempel Gottes und die Götzen, Christus und Belial, und keins kann mit dem anderen Gemeinschaft haben.

Nun ist uns auch das Gebot des Herrn offenbar, in welchem Er uns befiehlt, abgesondert zu sein und abgesondert zu werden vom Bösen; dann wolle Er unser Gott sein und wir würden Seine Söhne und Töchter sein. Weiter ermahnt Er uns, Babylon und das irdische Ägypten zu verlassen, damit wir nicht auch ihrer Qualen und Leiden teilhaftig werden, die der Herr über sie herbeiführen wird. Aus dem allen sollen wir lernen, dass alles, was nicht mit unserem Gott und mit Christus vereint ist, nichts anderes ist als die Gräuel, die wir meiden und fliehen sollen. Damit sind gemeint alle päpstlichen und widerpäpstlichen[1] Werke und Gottesdienste, Versammlungen, Kirchen­besu­che, Weinhäuser, Bündnisse und Verträge des Unglaubens und anderes dergleichen mehr, was die Welt für hoch hält und was doch stracks gegen den Befehl Gottes durchgeführt wird, gemäß all der Unge­rechtigkeit, die in der Welt ist. Von all diesem sollen wir abgesondert werden und kein Teil mit sol­chen haben. Denn es sind nichts als Gräuel, die uns ver­hasst machen vor unserem Herrn Jesus Christus, welcher uns befreit hat von der Dienstbarkeit des Fleisches und fähig gemacht hat zum Dienst Gottes durch den Geist, welchen Er uns gegeben hat.

So werden dann auch zweifellos die unchristlichen, ja teuflischen Waffen der Gewalt von uns fallen, als da sind Schwert, Harnisch und dergleichen und jede Anwendung davon, sei es für Freunde oder gegen die Feinde – kraft des Wortes Christi: „Ihr sollt dem Übel nicht widerstehen.“

 

Fünftens haben wir uns über die Hirten in der Gemeinde folgendermaßen geeinigt:

Der Hirte in der Gemeinde Gottes soll ganz und gar nach der Ordnung von Paulus einer sein, der einen guten Leumund von denen hat, die außerhalb des Glaubens sind. Sein Amt soll sein: Lesen, Er­mahnen und Lehren, Warnen, Zurechtweisen, Bannen in der Gemeinde und allen Brüdern und Schwestern zur Besserung vorbeten, das Brot anfan­gen zu brechen und in allen Dingen des Leibes Christi Acht haben, dass dieser gebaut und gebessert und dem Lästerer der Mund verstopft wird.

Er soll aber von der Gemeinde, welche ihn erwählt hat, unterhalten werden, wenn er Mangel haben sollte. Denn wer dem Evangelium dient, soll auch davon leben, wie der Herr verordnet. Wenn aber ein Hirte etwas tun sollte, was der Zurechtweisung bedarf, soll mit ihm nur vor zwei oder drei Zeugen gehandelt werden. Und wenn sie sündigen, sollen sie vor allen zurechtgewiesen werden, damit die anderen Furcht haben.

Wenn aber dieser Hirte vertrieben oder durch das Kreuz zum Herrn hingeführt werden sollte, soll von Stund‘ an ein anderer an seiner Stelle eingesetzt werden, damit das Völklein und Häuflein Gottes nicht zer­stört, sondern durch die Mahnung erhalten und getröstet wird.

 

Sechstens haben wir uns über das Schwert folgendermaßen geeinigt:

Das Schwert ist eine Gottesordnung außerhalb der Vollkommenheit Christi. Es straft und tötet den Bö­sen und schützt und schirmt den Guten. Im Gesetz wird das Schwert über die Bösen zur Strafe und zum Tode verordnet. Es zu gebrauchen, sind die welt­lichen Obrigkeiten eingesetzt.

In der Vollkommenheit Christi aber wird der Bann gebraucht allein zur Mahnung und Ausschließung dessen, der gesündigt hat, nicht durch Tötung des Fleisches, sondern allein durch die Mahnung und den Befehl, nicht mehr zu sündigen.

Nun wird von vielen, die den Willen Christi uns gegenüber nicht erkennen, gefragt, ob auch ein Christ das Schwert gegen den Bösen zum Schutz und Schirm des Guten und um der Liebe willen führen könne und solle. Die Antwort ist einmütig folgendermaßen ge­offenbart. Christus lehrt und befiehlt uns, dass wir von Ihm lernen sollen; denn Er sei milde und von Herzen demütig, und so würden wir Ruhe finden für unsere Seelen. Nun sagt Christus zur heidnischen Frau, die im Ehebruch ergriffen worden war, nicht, dass man sie steinigen solle nach dem Gesetz seines Vaters – obgleich Er sagt: wie mir der Vater befohlen hat, so tue ich –, sondern spricht nach dem Gesetz der Barmherzigkeit und Verzeihung und Mahnung, nicht mehr zu sündigen: „Gehe hin und sündige nicht mehr.“

Zweitens wird wegen des Schwertes gefragt, ob ein Christ Urteil sprechen soll in weltlichem Zank und Streit, den die Ungläubigen miteinander haben. Die Antwort ist diese: Christus hat nicht entscheiden oder urteilen wollen zwischen Bruder und Bruder des Erb­teils wegen, sondern hat sich dem widersetzt. So sollen wir es auch tun.

Drittens wird des Schwertes halber gefragt, ob der Christ Obrigkeit sein soll, wenn er dazu gewählt wird. Dem wird so geantwortet: Christus sollte zum König gemacht werden, ist aber geflohen und hat die weltliche, obrigkeitliche Ord­nung Seines Vaters nicht berücksichtigt. So sollen wir es auch tun und Ihm nachlaufen. Wir werden dann nicht in der Finsternis wandeln. Denn Er sagt selbst: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“

Auch verbietet er selbst die Gewalt des Schwertes und sagt: „Die weltlichen Fürsten, die herrschen“ usw.; „ihr aber nicht so“. Weiter sagt Paulus: „Welche Gott zuvor ersehen hat, die hat Er auch verordnet, dass sie gleichförmig sein sollen dem Ebenbild Seines Soh­nes“ usw. Auch sagt Petrus: „Christus hat gelitten (nicht geherrscht!) und hat uns ein Vorbild gelassen, dass ihr Seinen Fußstapfen nachfolgen sollt.“

Zuletzt stellt man fest, dass es dem Christen aus fol­genden Gründen nicht geziemt, eine Obrig­keit zu sein: Das Regiment der Obrigkeit ist nach dem Fleisch, das der Christen nach dem Geist. Ihre Häuser und Wohnungen sind mit dieser Welt verwachsen; die der Christen sind im Himmel. Ihre Bürgerschaft ist in dieser Welt; die Bürgerschaft der Christen ist im Himmel. Die Waffen ihres Streits und Krieges sind fleischlich und allein gegen das Fleisch; die Waffen der Christen aber sind geistlich gegen die Festung des Teufels. Die Weltlichen werden gewappnet mit Sta­chel und Eisen; die Christen aber sind gewappnet mit dem Harnisch Gottes, mit Wahrheit, Gerechtigkeit, Friede, Glaube, Heil und mit dem Wort Gottes.

In summa: Wie Christus, unser Haupt über uns, ge­sinnt ist, so sollen in allem die Glieder des Leibes Christi durch Ihn gesinnt sein, damit keine Spaltung im Leib ist, durch die er zerstört wird. Denn ein jedes Reich, das in sich selbst zerteilt ist, wird zerstört wer­den. Da nun Christus so ist, wie von Ihm geschrieben steht, so müssen die Glieder auch so sein, damit Sein Leib ganz und einig bleibt zu seiner eigenen Besse­rung und Erbauung.

 

Siebtens haben wir uns über den Eid folgendermaßen geeinigt:

Der Eid ist eine Bekräftigung unter denen, die zanken oder Versprechungen machen, und es ist im Gesetz befohlen, dass er im Namen Gottes allein wahrhaftig und nicht falsch geleistet werden soll. Christus, der die Erfüllung des Gesetzes lehrt, der verbietet den Seinen alles Schwören, sowohl recht als auch falsch, sowohl beim Himmel als auch beim Erdreich, bei Jerusalem oder bei unserem Haupt, und das aus dem Grund, den Er gleich darauf ausspricht: „Denn ihr könnt nicht ein Haar weiß oder schwarz machen.“ Sehet zu! Darum ist alles Schwören verboten. Denn wir können nichts von dem garantieren, was beim Schwören verspro­chen wird, weil wir an uns nicht das Geringste ändern können.

Nun sind einige, die dem einfältigen Gebot Gottes nicht Glauben schenken, sondern sagen und fragen so: Ei, nun hat Gott dem Abraham bei Sich selbst geschworen, weil Er Gott war (als Er ihm nämlich versprach, dass Er ihm Gutes tun wollte und dass Er sein Gott sein wollte, wenn er seine Gebote hielte); warum sollte ich nicht auch schwören, wenn ich einem etwas verspreche? Antwort: Höre, was die Schrift sagt: „Als Gott den Erben der Verheißung auf überschwäng­liche Art beweisen wollte, dass Sein Rat­schluss nicht wankt, legte Er einen Eid ab, damit wir durch zwei unerschütterliche Dinge (wodurch es unmöglich war, dass Gott lügen könnte) einen starken Trost haben.“ Merke die Bedeutung dieser Schrifts­telle: Gott hat Gewalt zu tun, was Er dir verbietet. Denn es ist Ihm alles möglich. Gott hat dem Abraham einen Eid geschworen – sagt die Schrift –, um zu beweisen, dass Sein Rat nicht wankt. Das heißt: Es kann niemand Seinem Willen widerstehen und hin­der­lich werden. Darum konnte Er den Eid halten. Wir aber vermögen es nicht, wie es oben von Christus ausgesprochen ist, dass wir den Eid halten oder leisten. Darum sollen wir nicht schwören.

Nun sagen weiter einige so: Es ist im Neuen Tes­tament nicht verboten, bei Gott zu schwören, und im Alten sogar geboten. Dagegen sei lediglich verboten, beim Himmel, beim Erdreich, bei Jerusalem und bei unserem Haupt zu schwören. Antwort: Höre die Schrift: „Wer da schwört beim Himmel, der schwört beim Stuhl Gottes und bei dem, der darauf sitzt.“ Merke: Schwören beim Himmel, der ein Stuhl Gottes ist, ist verboten. Wie viel mehr ist es bei Gott selbst verboten! Ihr Narren und Blinden, was ist grösser, der Stuhl oder der darauf sitzt?

Auch sagen einige so: Wenn es nun unrecht ist, dass man Gott zur Wahrheit gebraucht, so haben die Apostel Petrus und Paulus auch geschworen. Ant­wort: Petrus und Paulus bezeugen allein das, was von Gott Abraham durch den Eid verheißen war, und sie selbst verheißen nichts, wie die Beispiele klar zeigen. Aber Zeugen und Schwören ist zweierlei. Denn wenn man schwört, so verheißt man Dinge, die noch in der Zukunft liegen, wie dem Abraham Christus verheißen wurde, den wir lange Zeit hernach empfangen haben. Wenn man aber zeugt, dann bezeugt man das Gegen­wärtige, ob es gut ist oder böse, wie der Simeon zu Maria von Christus sprach und ihr bezeugte: „Dieser wird gesetzt zu einem Fall und einer Auf­erstehung vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem wider­sprochen wird.“

Dasselbe hat uns auch Christus gelehrt, als Er sagte: „Eure Rede soll sein ja ja und nein nein; denn was darüber ist, ist vom Argen.“ Er sagt demnach: Eure Rede oder euer Wort soll sein ja und nein, was man nicht so verstehen kann, als ob Er den Eid zugelassen habe. Christus ist einfältig ja und nein, und alle, die Ihn einfältig suchen, werden Sein Wort verstehen. Amen.

[1] Mit „päpstlich“ ist die katholische Kirche und mit „widerpäpstlich“ die evangelischen Kirchen (lutherisch und reformiert) gemeint.

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