Ein in der Liebe tätiger Glaube

Auszüge aus dem Galaterbrief

Gal 2,10: Nur sollten wir an die Armen gedenken, und ich habe mich auch eifrig bemüht, dies zu tun. 

Gal 5,6: Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe wirksam ist.

Gal 6,9-10: Laßt uns aber im Gutestun nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht ermatten. So laßt uns nun, wo wir Gelegenheit haben, an allen Gutes tun, besonders aber an den Hausgenossen des Glaubens.

Praktische Nächstenliebe bei den Täufern

(aus dem Mennonitischen Lexikon – Hervorhebungen und Links sind von uns hinzugefügt)

Das theologische Herzstück mennonitischer Diakonie

In seiner Schrift „Die Ursache, warum ich, Menno Simons, nicht ablasse, zu lehren und zu schreiben“, bringt Menno Simons den Glauben, der in der Liebe tätig wird, sehr konkret auf den Punkt. Hier wird deutlich, dass Diakonie für Menno und die ersten Täufer als die soziale Frucht des Glaubens bzw. als praktischer Ausdruck lebendiger Christusnachfolge aufgefasst wurde. Auffallend ist auch die deutliche Bezugnahme zu den in Mt 25,31ff genannten Werken der Barmherzigkeit und die Verknüpfung von Diakonie und Feindesliebe (vgl. Mt 5,43ff; Lk 6,27ff). Es folgen die Worte Menno Simons, die übrigens auch in ein mennonitisches Kirchenlied eingeflossen sind:

„Denn der rechte evangelische Glaube ist einer solchen Natur, daß er nicht ruhen oder feiern kann, sondern er breitet sich stets aus in allerlei Gerechtigkeit und Früchten der Liebe; er stirbt Fleisch und Blut ab, rottet alle verbotenen Lüste und Begierden aus, sucht und fürchtet Gott und dient Ihm aus dem Innersten seiner Seele; er kleidet die Nackten, speist die Hungrigen, tröstet die Betrübten, herberget die Elenden, hilft und gibt Trost allen, die betrübten Herzens sind, tut wohl denen, die ihm Böses tun, dient denjenigen, die ihm Leides zufügen, bittet für die, welche ihn verfolgen, lehrt, ermahnt und straft uns mit des Herrn Wort, sucht das Verlorene, verbindet das Verwundete, heilt das Kranke und behütet das Starke, alles ist er allen geworden.“ (Menno Simons, „Die Ursache, warum ich, Menno Simons, nicht ablasse, zu lehren und zu schreiben“, Die vollständigen Werke Menno Simon’s, a.a.O., Teil II, S. 349, hier zitiert in der lateinischen Umschrift nach Victor Wall, „Menno Simons: Baumeister mit Fundament“, Kein anderes Fundament: Beiträge zum Menno-Simons-Symposium, Lage: Logos Verlag, 1996, S. 169.)

Man würde Menno Simons falsch verstehen, wenn man diese Ausdrucksformen des Glaubens im Sinn gesetzlicher Forderungen auffasst. Cornelius J. Dyck, Arnold Snyder und Norman Kraus haben in ihren Forschungen zur täuferischen Spiritualität festgestellt, dass die soziale Struktur täuferischen Gemeindelebens eindeutig pneumatisch verankert ist, d.h. ohne die Erfahrung der geistgewirkten Wiedergeburt und kraftvollen Innewohnung des Heiligen Geistes undenkbar sei. Die Ausdrucksformen täuferischer Diakonie, wie sie sich vor allem im Abendmahl, in der Fußwaschung und im Teilen materieller Güter manifestieren, wurden allerdings von den Täufern nicht als automatische Folge des Glaubens aufgefasst, sondern als Frucht davon, dass Menschen sich vom Heiligen Geist in eine persönliche Beziehung der Nachfolge Christi und in die diakonische Sozialstruktur der Gemeinde einbinden lassen.

Geschichtliche Beispiele täuferischer Gemeinde- und Friedensdiakonie

Typisch für täuferische Gemeindediakonie, vor allem in denen von den Schleitheimer Artikeln und Menno Simons geprägten Gruppen, sind die Absonderung der Glaubensgemeinschaft vom Staat und die Erfahrung der Verfolgung, die automatisch dazu führten, dass die gesamte soziale Fürsorge der Gemeindemitglieder nicht vom staatlichen Gemeinwesen erwartet werden konnte, sondern von der Gemeinde selbst verantwortet und gestaltet werden musste. In diesem Kontext wurde die Praxis der gegenseitigen Verantwortung und Hilfe gefördert und vertieft.

Die geographisch verstreuten Gruppen der Täufer unterstützten sich gegenseitig durch Spenden von Geld, Lebensmitteln und Kleidern. Auf der so genannten Märtyrer-Synode, die 1527 in Augsburg tagte, wurde von den Vertretern unterschiedlicher Täufergruppen festgelegt, dass man nur solche als Mitglieder der Gemeinde aufnehmen wolle, die sich zu gegenseitiger Hilfeleistung verpflichteten. In Bezug auf die Diakone in der Gemeinde wurde 1591 in Köln von Vertretern der Schweizer Brüder sowie niederländischer und norddeutscher Mennoniten betont, dass diese für die Fürsorge an Armen zuständig seien. Die Diakone seien dafür zuständig, die freiwilligen Gaben, die im Verborgenen von Mitgliedern der Gemeinde gespendet werden sollten, an die Bedürftigen weiterzuleiten. Im Dordrechter Glaubensbekenntnis aus dem Jahr 1632 werden auch Diakonissinnen erwähnt, denen vor allem die Diakonie an Witwen und Waisen anvertraut wurde.

Aus den Initiativen der niederländischen Mennoniten zur diakonischen Hilfeleistung an ihren in der Schweiz verfolgten Glaubensgeschwistern entstand 1710 eine „Commission for Foreign Relief“, deren Diakonie sich sogar auf die Hugenotten ausweitete, die im 17. Jahrhundert als Flüchtlinge in die Niederlande kamen. Dass Diakonie bereits zur Zeit Menno Simons nicht auf die eigene Glaubensgruppe reduziert blieb, ist auch an der von ihm selbst überlieferten, im Winter 1553 durchgeführten Aktion der Täufer zugunsten der reformierten Flüchtlinge und Anhänger von Johannes a Lasco, die auf der Ostsee vor Wismar eingefroren waren, erkennbar.

Im Koloniemennonitentum, das sich im 18. Jahrhundert, bedingt durch geographische und soziale Isolierung in Preußen entwickelte und vor allem im Russland des 19. Jahrhunderts etablierte, nahm Diakonie vielfach die Gestalt christlicher Sozialhilfe im Rahmen eines mennonitischen Gemeinwesens (Kolonie) an.

 

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