Gibt es zwei verschiedene Evangelien?

Von Hans-Werner Deppe (Betanien Verlag)

Unter manchen Christen ist die Auffassung verbreitet, man müsse zwischen einem „Evangelium des Reiches“ und einem „Evangelium der Gnade“ unterscheiden. Tatsächlich kommen diese Begriffe in der Schrift vor: „Evangelium des Reiches“ in Matthäus 4,23; 9,35 und 24,14 und „Evangelium der Gnade Gottes“ in Apostelgeschichte 20,24. Aber lehrt die Schrift damit zwei zu unterscheidende Evangeliumsbotschaften?

Es ist zwar richtig, wegen des Fortschreitens der Offenbarung und der Heilsgeschichte zu beachten, dass in der Zeit vor dem Kreuz noch nicht das Evangelium im vollen Sinne verkündigt werden konnte, weil Jesu sühnendes Blut noch nicht vergossen und er noch nicht auferstanden und in den Himmel aufgefahren war. Aber meinen die Vertreter der Zwei-Evangelien-Lehre nur diesen Unterschied aufgrund der kontinuierlich fortschreitenden Offenbarung und Heilsgeschichte? Schauen wir uns ihre Aussagen an.

Die Autoren, die diese Sicht vertreten, gehen unterschiedlich weit in der Unterscheidung von zwei Evangelien. Die einen betonen, dass es eigentlich nur ein einziges Evangelium gebe, das aber in zwei Aspekten unterschiedlich betont werde. Das Evangelium der Gnade und das des Reiches seien lediglich zwei Aspekte ein und desselben Evangeliums. So schreibt z.B. William MacDonald:

„Während es nur ein Evangelium gibt, gelten zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Aspekte des Evangeliums. Zum Beispiel werden im Evangelium des Reiches andere Dinge betont als im Evangelium von der Gnade Gottes. Das Evangelium vom Reich Gottes sagt: ‚Tut Buße und empfangt den Messias, dann werdet ihr in das Reich Gottes eingehen, wenn es auf die Erde kommt.‘ Das Evangelium der Gnade sagt: ‚Tut Buße und empfangt Christus, dann werdet ihr zu ihm hin entrückt und allezeit beim Herrn sein.‘“ (Kommentar zum NT, S. 36).

Schon bei dieser moderaten Sicht von unterschiedlichen Evangeliumsbotschaften stellt sich die einfache Frage: Wo lehrt das die Schrift? Wo lehrt die Schrift die „Betonung verschiedener Aspekte des Evangeliums?“ Und wo lehrt sie eine Trennung zwischen zwei Heilshoffnungen – „in ein künftiges Reich Gottes auf der Erde eingehen“ und „entrückt werden und allezeit beim Herrn sein“? Wir sehen, dass diese Auffassung verbunden ist mit der Lehre, dass es zwei Völker Gottes und zwei Heilspläne Gottes gebe: Dem einen Volk, der Gemeinde, gelte das „Evangelium der Gnade“, und dem anderen Volk, der Nation Israel, gelte das „Evangelium des (irdischen) Reiches“. Es hängt also ein ganzes Lehrgebäude damit zusammen, der so genannte Dispensationalismus. Wilfried Plock formuliert die Unterscheidung noch deutlicher:

„Das ‚Evangelium des Reiches’ ist etwas ganz anderes als das ‚Evangelium der Gnade’ … Das Evangelium des Reiches bezieht sich auf das messianische Reich, das hier auf der Erde aufgerichtet werden soll.“ („Die biblische Lehre vom Reich Gottes“, S. 28-29)

Wilfried Plock begründet diese Unterscheidung damit, dass nur das Reichsevangelium für Israel „Zeichencharakter“ habe (S. 32). Angeblich stünde allein das „Evangelium des Reiches“ im Zusammenhang mit Zeichen und Wundern. Diese Differenzierung ist unberechtigt, denn von der einen Heilsbotschaft des Neuen Testamentes lesen wir in Hebräer 2,3-4: „Sie ist ja, nachdem sie ihren Anfang damit genommen hatte, dass sie durch den Herrn verkündet wurde, uns gegenüber von denen bestätigt worden, die es gehört haben, wobei Gott zugleich Zeugnis gab durch Zeichen und Wunder und mancherlei Machttaten und Austeilungen des Heiligen Geistes nach seinem Willen.“ Das bedeutet: 1.) Das eine Evangelium des NT wurde bereits vom Herrn verkündet, 2.) auch die weitere Verkündigung durch die Apostel ging mit Zeichen und Wundern einher. Diese Verse aus dem Hebräerbrief bestätigen eine ausdrückliche Kontinuität in der Evangeliumsbotschaft des Herrn, der Apostel und des ganzen Neuen Testamentes. Die Wunderzeichen dienten der anfänglichen Bestätigung und sind für Gegenwart und Zukunft daher weder nötig noch zu erwarten.

Die Problematik der Lehre von einem besonderen „Evangelium des Reiches“ geht aber noch weiter: Deren Vertreter behaupten, in Zukunft würde dieses spezielle Evangelium erneut als Heilsbotschaft verkündigt werden. John F. Walvoord unterscheidet ausdrücklich zwischen verschiedenen Evangeliumsbotschaften und schreibt:

„Das Ende des gegenwärtigen Zeitalters wird durch das vermehrte Predigen des Evangeliums vom Reich gekennzeichnet sein, der guten Nachricht, dass Jesus zurückkehren und sein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens auf Erden aufrichten wird. Das Evangelium vom Reich darf nicht mit dem Evangelium von der Erlösung verwechselt werden … es ist ganz vernünftig anzunehmen, dass es im Augenblick der Entrückung noch Menschen gibt, die nichts vom Evangelium vernommen haben, denen aber dann nach der Entrückung das Evangelium vom Reich gepredigt werden wird.“ („Brennpunkte biblischer Prophetie“, S. 232-233)

Und die Scofield-Bibel lehrt:

„Ein anderer Aspekt des Evangeliums ist das ‚Evangelium des Reiches’ … Die frohe Botschaft dieses Königreiches wurde von den Propheten des AT verkündigt (Jes 9,5.6), durch Christus bei Seinem ersten Kommen (Mt 9,35) und es wird während der [künftigen] Großen Bedrängnis verkündigt werden (Mt 24,14“ (Fußnote zu Offb 14,6).

Wenn das „Evangelium vom Reich“ aber jenen Inhalt hat, der in der Zeit vor dem Kreuz und sogar schon im Alten Testament von den Propheten verkündet wurde, würde das schwerwiegende Fragen aufwerfen: Obwohl Jesus nunmehr ein für allemal den Sühnetod am Kreuz vollbracht hat und auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist, soll künftig wieder eine Evangeliumsbotschaft aus der Zeit vor dem Kreuz verkündet werden? Das wäre ein heilsgeschichtlicher Rückwärtsgang, und ein solcher Rückschritt ist völlig ausgeschlossen. Doch tatsächlich lehren Dispensationalisten einen solchen Rückschritt. Ernst G. Maier bekennt sich zu der Auffassung, die angebliche künftige Drangsalszeit sei

„…eine zur [alttestamentlichen] Heilszeit Israels gehörende Zeit. Diese Zeit Israels wurde durch die Zeit der Gemeinde unterbrochen, währt aber bis zur Wiederkunft Jesu und deshalb gehören diese sieben Jahre noch zur Haushaltung oder Heilszeit Israels.“ („Die biblische Lehre von den Heilszeiten“, S. 44)

Die Lehre von zwei verschiedenen Evangelien hängt also zusammen mit der Auffassung, die jetzige „Zeit der Gemeinde“ sei nur ein zwischenzeitliches Intermezzo, eine Unterbrechung von Gottes eigentlichem Vorhaben mit der Nation Israel. Während dieser Zeit würde „das Evangelium der Gnade“ verkündigt, davor und danach aber „das Evangelium des Reiches“. Nun lässt sich tatsächlich diskutieren, wie viel Kontinuität und wie viel Diskontinuität zwischen der Zeit vor und der Zeit nach dem Kreuz bzw. nach Pfingsten besteht, aber jedenfalls lehrt die Schrift nicht, dass die jetzige Zeit – auf die hin sich die ganze Heilsgeschichte hin fortentwickelt hat – nur eine „Unterbrechung“ sei. Es steht außer Frage: Es kann kein Zurück mehr in vergangene Zustände der Heilsgeschichte geben. Ganze biblische Bücher wie der Galater- und vor allem der Hebräerbrief schließen das aus. Die Bibel hat das alte sichtbare jüdische System „für veraltet erklärt“, es hat „sich selbst überlebt“ (Hebr 8,13).

Die fragwürdige Lehre vom „angebotenen Reich“

Die Vertreter der Lehre von zwei verschiedenen Evangeliumsbotschaften meinen, der Herr Jesus habe der Nation Israel ein irdisches Reich „angeboten“ und künftig würde es ihnen erneut angeboten – das sei das „Evangelium des Reiches“. Wenn die Juden damals dieses Angebot angenommen hätten, dann wäre das Reich Gottes sogleich auf der Erde aufgerichtet worden. Rudolf Ebertshäuser schreibt:

„Das ‚Evangelium vom Reich Gottes‘, das der Herr und seine Apostel in Israel verkündigten, war die Heilsbotschaft von dem nahen, bevorstehenden messianischen Königreich, das dem Volk Israel durch den Messias selbst angeboten wurde … Wenn das Volk Buße getan und den Messias angenommen hätte, dann hätten sie in dieses Königreich eingehen können“ („Aufbruch in ein neues Christsein? Emerging Church“, S. 92)

Wie aber wäre dann die Erlösung geschehen? Wie hätte Jesus dann sein Kreuzesopfer vollbracht? Hat er dem Volk Israel wirklich ein sofortiges irdisches Reich „angeboten“? War es nicht vielmehr so: „Der Sohn des Menschen muss vieles leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tag auferweckt werden“ (Lk 9,22). An zahlreichen weiteren Stellen finden wir das Wort „muss“, wenn der Herr seinen vorgeplanten Weg zum Kreuz geht (Lk 12,50; 17,25; 22,37; 24,7; Joh 3,14). Nach seiner Auferstehung erklärt er den Jüngern, dass die Kreuzigung kein schrecklicher Unfall im Plan Gottes, sondern ein „Muss“ war. Er machte ihnen deutlich, „dass alles erfüllt werden muss, was über mich geschrieben steht in dem Gesetz Moses und in den Propheten und Psalmen … “ (Lk 24,26.44.46). Sowohl „Herodes als Pontius Pilatus“, als auch die „Völker Israels“ haben das ausgeführt, „was Gottes Hand und Ratschluss vorherbestimmt hat, dass es geschehen sollte“ (Apg 4,27-28).

Doch manche sehen das ganz anders. Sie meinen, Jesus sei gekommen, um ein irdisches Reich aufzurichten. Der führende Dispensationalist Dwight L. Pentecost beschreibt in seinem Buch über das Reich Gottes die Zeit des irischen Wirkens Jesu:

„Mit allen verfügbaren Mitteln kämpfte Satan unnachgiebig, um Christus davon abzuhalten, den ihm verordneten Thron des Reiches zu besteigen, das aufzurichten er gekommen war“ („Thy Kingdom Come“, S. 203)

Wenn das wahr wäre, dann hätte Satan Gottes Plan vereitelt und gegen Christus gesiegt. Aber das Gegenteil ist der Fall: Als Petrus Christus davon abhalten wollte, ans Kreuz zu gehen, nannte Christus ihn „Satan“ (Mt 16,23). Jesus kam nicht, um dem jüdischen Volk ein irdisches, politisches Königreich anzubieten. Er kam, um sein Leben als Lösegeld zu geben (Mt 20,28; Mk 10,45). Die Juden verwarfen nicht ein Angebot eines irdischen Reiches. Genau das hatten sie nämlich gewollt! (Joh 6,15).

Nirgends in der Schrift finden wir die Aussage, dass Jesus den damaligen Juden ein Reich „angeboten“ habe. Er hat das Reich als nahe angekündigt und hat Gottes vorgesehenen Plan, um dieses Reich zu verwirklichen, genau so erfüllt, wie es bestimmt war. Die Grundlage des Reiches ist die Erlösungstat vom Kreuz und die Auferstehung. Dadurch können Sünder Vergebung erlangen, von neuem geboren werden und so ins Reich Gottes eingehen. Fleisch und Blut können nämlich nicht das Reich Gottes erben (1Kor 15,50). In unsichtbarer Form ist das Reich Gottes seit der Erlösung schon da. Gläubige sind in Christus mit allen geistlichen Segnungen gesegnet, in sein Reich versetzt (Kol 1,13) und mit Christus, der vom himmlischen Thron aus regiert, verbunden und ihm unterworfen. Das Reich, das Christus als nahe ankündigte, ist mit der Erlösung und der „Entwaffnung“ (Kol 2,15) Satans gekommen. In seiner sichtbaren Form wird es natürlich erst bei Christi Wiederkunft kommen. Wenn aber das Thema „Reich Gottes“ ganz vom uns geltenden Evangelium getrennt und einer anderen Heilslinie zugeordnet wird, dann wird dadurch das jetzige Reich Christi geleugnet oder zumindest bedeutend abgeschwächt.

Dispensationalisten meinen: Wenn künftig wieder das „Evangelium des Reiches“ verkündigt würde, sei das das abermalige Angebot des Reiches. Rudolf Ebertshäuser trennt sehr deutlich zwischen den zwei Evangelien. In seinem zitierten Werk beschreibt er sorgfältig das tatsächliche Evangelium der Erlösung aus Gnade – im angeblichen Unterschied zum „Evangelium des Reiches“ – und beachtet dann sogar die Warnung der Schrift, dass es eigentlich „kein anderes Evangelium“ gibt. Dann aber schränkt er diese Aussage willkürlich ein: „Es gibt kein anderes Evangelium, solange die Zeit der Gemeinde währt (Gal 1,6.7)“ („Aufbruch …“ S. 93). Er sieht also nicht nur verschiedene „Aspekte“ ein und desselben Evangelium aus, sondern gibt zu, dass das Evangelium vom Reich „ein anderes Evangelium“ ist, und erklärt, die Warnung aus Galater 1,6-7 gelte nur vorübergehend. Das ist eklatant falsch. Es gibt keine andere Hoffnung auf Rettung als durch das eine Evangelium Christi. Es gibt keine Hoffnung, womöglich den Beginn einer neuen Heilszeit zu erleben und dann durch ein anderes Evangelium errettet zu werden.

Die Kontinuität von Reichsverheißung und Evangelium

Manche Dispensationalisten behaupten also, die Gläubigen würden bereits geraume Zeit vor der Wiederkunft Jesu entrückt und damit käme es zu einer heilsgeschichtlichen Zäsur: es werde dann eine alte Heilszeit fortgesetzt und wieder das alte „Evangelium des Reiches“ verkündigt. So einen abrupten Wechsel in der Evangeliumsverkündigung sehen sie nicht nur für die Zukunft, sondern meinen auch zu neutestamentlicher Zeit habe irgendwo ein solcher Wechsel stattgefunden. Wo und wann genau – ob in Matthäus 12, zu Pfingsten, im Laufe der Apostelgeschichte oder erst später, darüber ist sind sie sich uneinig.

Was finden wir aber in der Schrift? Eine Kontinuität oder eine Diskontinuität der Evangeliumsbotschaft? Arno C. Gaebelein vertritt die Auffassung, dass es bereits sehr früh einen Bruch in der Evangeliumsverkündigung gegeben habe und schreibt in seinem Kommentar zum Neuen Testament als Einleitung zu Matthäus 12: „Nach diesem Kapitel hören wir nicht mehr, dass Israel das Reich verkündet wird.“

Das trifft nicht zu. Tatsächlich verwirrt es manche, dass die Apostel sich in der Apostelgeschichte des Öfteren von den Juden abwenden, später aber doch wieder Juden das Evangelium und das Reich Gottes verkünden. Die Erklärung ist denkbar einfach: Die Apostel wandten sich nicht schlagartig weltweit von allen Juden ab, sondern lokal je nach Situation. In manchen Situationen kamen ja tatsächlich etliche Juden zum Glauben an den Herrn Jesus. Zu Pfingsten und in der ersten Folgezeit waren es sogar ausschließlich Juden, die gläubig wurden und die Gemeinde bildeten. Als zum ersten Mal Heiden dazukamen, war das geradezu skandalös und wurde von der durchweg jüdischen Gemeinde nur unter zunächst großen Vorbehalten akzeptiert. Darauf folgten heftige Debatten, in wie weit diese neuartigen Heidenchristen zunächst jüdisch werden müssten – ob eine buchstäbliche Beschneidung nötig sei, ob das mosaische Gesetz für sie verbindlich ist usw. Es war ein recht langwieriger und nicht schlagartiger Übergang zu dem neutestamentlichen Grundsatz, dass das Volk des Neuen Bundes nicht nur aus Juden, sondern aus Juden und Heiden berufen wird (von dem einen guten Hirten in die eine Herde – Joh 10,16), und dass die Schattenbilder des Alten Bundes überholt sind.

Das Reich und die Ruhe aller Gläubigen

Was das Reich Gottes betrifft, so wird dies in der Apostelgeschichte oft in Zusammenhang mit dem Evangelium genannt. Von Philippus heißt es ausdrücklich, dass er „das Evangelium vom Reich Gottes“ verkündigte (Apg 8,12). In Ephesus erklärte Paulus den Juden in der Synagoge das Evangelium und überzeugte sie „von den Dingen des Reiches Gottes“ (Apg 9,8). Er hat Juden wie Heiden „das Reich gepredigt“ (Apg 20,25; 28,31) und es „ausgelegt“ und „bezeugt“ (Apg 28,23). Seine frohe Botschaft der Auferstehung nannte er „die Hoffnung Israels“ (Apg 28,20; vgl. 23,6) und stellte sie so in Kontinuität zum Alten Testament. Sein Evangelium nannte er die „Hoffnung auf die von Gott an unsere Väter geschehene Verheißung, zu der unser zwölfstämmiges Volk … hinzugelangen hofft“ (Apg 26,7). Deutlicher konnte er gar nicht ausdrücken, das sich sein Evangelium auf die Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen bezieht. Das Evangelium der Gnade, das Paulus verkündigte, ist nicht „etwas ganz anderes“ (W. Plock: Reich Gottes, S. 28) als die Hoffnung, die Israel aufgrund des Alten Testaments hatte. Im Gegenteil: Dieses Evangelium erfüllt gerade diese Hoffnung auf das verheißene Reich Gottes. Wer hier einen Bruch lehrt, zerbricht die durchgehende Linie der Heilsgeschichte.

Manche Dispensationalisten sehen einen Bruch der Evangeliumsverkündigung nicht in Matthäus 12 oder zu Pfingsten, sondern erst wesentlich später. Die zwölf ursprünglichen Apostel hätten ein „Evangelium des Reiches“ gepredigt, und erst Paulus hätte mit der Verkündigung des „Evangeliums der Gnade“ begonnen, weil dieses erst ihm offenbart worden sei. Aber im direkten Zusammenhang des einzigen Vorkommens des Begriffs „Evangelium der Gnade“ (Apg 20,24) sagt Paulus auch, dass er das „Reich gepredigt“ hat (Vers 25!). Paulus predigte dasselbe Evangelium wie Petrus (Gal 1,23). Petrus und die anderen Apostel waren vom Herrn beauftragt, das eine Evangelium zu verkündigen (Mt 28,19 u.a.). Einige Dispensationalisten halten den Missionsbefehl aus Matthäus 28 für einen Auftrag, in künftigen Zeiten speziell „das Evangelium des Reiches“ zu verkündigen. Doch Matthäus 28,19-20 galt (bereits) den Aposteln. Und was verkündigten sie? Dasselbe wie Paulus. Petrus verkündigte das Evangelium vom kostbaren Blut Christi (1Petr 1,18) und verheißt kein irdisches Reich, sondern die Auflösung der jetzigen Schöpfung bei der Wiederkunft Christi und dann eine neue Schöpfung (2Petr 3,11-13). Die Botschaft der Petrusbriefe stimmt bemerkenswert mit den Paulusbriefen überein, und Petrus bestätigt ausdrücklich die Paulusbriefe (2Petr 3,17). Diese übereinstimmende Botschaft der Apostel war es, die „durch Zeichen und Wunder“ bestätigt wurde (Hebr 2,4). Der Hebräerbrief lehrt, dass dieses Evangelium die „große Rettung“ (2,3) ist, die in die eigentliche „Ruhe“ führt, die das Volk Israel in alttestamentlicher Zeit noch nicht erlangt hatte (Hebr 4), die aber alt- und neutestamentliche Gläubige gemeinsam erlangen werden (Hebr 11,39-40). Das ist das Reich, von dem es heißt, dass sie „durch viele Bedrängnisse in das Reich Gottes eingehen müssen“ (Apg 14,22), doch unsichtbar sind sie schon jetzt „versetzt in das Reich des Sohnes seiner Liebe“ (Kol 1,13). Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht erben (1Kor 15,50), aber in Christus sind Gläubige schon jetzt Bürger des Reiches Gottes und werden es in der neuen Schöpfung dann auch im sichtbaren Sinne sein. Gläubige aus alt- und neutestamentlicher Zeit, Juden und Heiden, haben ein und dieselbe Heilshoffnung durch ein und dasselbe Evangelium von ein und demselben Heiland und ein und demselben Werk am Kreuz.

Die Einheit des Evangeliums im Römerbrief

Wenn wir etwas Systematisches über das Evangelium lernen wollen, müssen wir besonders den Römerbrief beachten, dessen Thema das eine „Evangelium Gottes“ (Röm 1,1.9.15.16) ist. Die typischen Vertreter des Dispensationalismus sehen im Römerbrief aber nur das „Evangelium der Gnade“, aber nicht das – oder die Aspekte des – „Evangelium(s) des Reiches“. Bemerkenswerterweise widmet der Römerbrief einen langen Abschnitt, die Kapitel 9 bis 11, speziell dem Thema, in welcher Beziehung die Juden zum Evangelium stehen. Die Antwort ist aber nicht etwa, dass Gott für die Juden einen anderen Heilsplan oder ein anderes Evangelium habe oder dass sie ein anderes Volk Gottes seien. Es gibt nur den einen Ölbaum – ein Bild für das Volk Gottes -, und in diesen Ölbaum müssen sowohl wilde als auch ausgebrochene natürliche Zweige zum Heil eingepflanzt werden (Röm 11,17-24), Gottes Ziel ist es, dass „ganz Israel errettet wird“ (11,26). Was auch immer mit „ganz Israel“ gemeint ist, ist auf jeden Fall klar: Die hier gemeinte Rettung geschieht durch das eine Evangelium, das das Thema des Römerbriefes ist.

Von diesem Evangelium hatte Paulus bereits in 1,2 gesagt, dass es durch die alttestamentlichen „Propheten in heiligen Schriften vorher verheißen“ war. Es steht also in Kontinuität zur Heilslinie des Alten Testaments. Was die Juden zur Zeit Jesu und der Apostel betrifft, bedauert Paulus: „Nicht alle haben dem Evangelium gehorcht. Denn Jesaja sagt ‚Herr, wer hat unserer Verkündigung geglaubt?‘“ (10,16). Welches Evangelium ist hier gemeint? Das des Reiches oder das der Gnade? Dispensationalisten müssten dies beantworten können, aber eine solche Unterscheidung ist hier unmöglich. Wenn nur ein „Evangelium des Reiches“ gemeint wäre, welches die Juden zur Zeit Jesu abgelehnt haben, könnte Paulus wohl kaum nahtlos daran anknüpfen: „Also ist der Glaube aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch das Wort Gottes“ (Vers 17) und im anschließenden Abschnitt die Evangeliumsverkündigung an Juden und Heiden als zusammengehörendes Konzept beschreiben, das bereits Jesaja vorausgesagt hat.

Die Botschaft von Römer 11 ist dann, dass Israel nicht vollständig von Gott verworfen ist, sondern die „Auswahl“ ja doch dem Evangelium geglaubt hat. Paulus selbst gehört zu diesem Überrest und er war bestrebt, durch seine Evangeliumsverkündigung nicht nur Heiden, sondern auch in der Jetztzeit weiterhin Juden durch ein und dasselbe Evangelium zu erretten (11,14). Und auch alle Juden, die künftig noch errettet werden, werden das Heil in Christus durch dieses eine Evangelium finden. Wenn ganz Israel gerettet wird, dann durch das eine Evangelium, wie es im Römerbrief beschrieben ist. Sie waren dem Evangelium ungehorsam (10,16) und damit „dem euch geschenkten Erbarmen gegenüber ungehorsam“ (11,31) und können jetzt oder künftig durch den Glauben an das eine Evangelium „Erbarmen“ finden (Vers 32). „Denn Gott hat alle zusammen in den Ungehorsam eingeschlossen, damit er sich aller erbarmt“ (Vers 33). Es gibt keinen Sonderweg.

Das eine Evangelium ist Gottes Kraft

Die Bibel lehrt nachdrücklich, dass es nur ein Evangelium gibt und jedes andere, abweichende Evangelium falsch ist (Gal 1,6-7; 2Kor 11,4). Dass dem Begriff „Evangelium“ in der Schrift verschiedene Attribute („Gnade“, „Reich“) zugefügt werden, macht daraus ebenso wenig verschiedene Evangelien, wie es keine verschiedenen Götter gibt, nur weil Gott z.B. als „Gott des Himmels“ und „Gott aller Gnade“ bezeichnet wird.

Die Trennung zwischen „Gnade“ und „Reich“ führt zu einem schwerwiegendem Problem: Errettung aus Gnade wird dann leicht so verstanden, als habe sie nichts mit dem Herrschaftsanspruch Gottes zu tun. Deshalb neigt der Dispensationalismus zum pauschalen und absoluten Ablehnen des Gesetzes in jeglichem Sinne (Antinomismus, „gegen das Gesetz“). Errettet zu werden, kann dann so verstanden werden, dass man lediglich „die Gnade Gottes für sich in Anspruch nehmen“ bräuchte. Buße und Gehorsam fallen bei einer solchen Vorstellung leicht unter den Tisch. Sicherlich muss man andererseits aufpassen, dass man Buße und Gehorsam nicht im Sinne einer Werkgerechtigkeit versteht, sondern als von Gott gewirkte Gaben. Die Lösung dieses scheinbaren Konflikts liegt gerade darin, dass Gottes Gnade und Gottes Reich zusammengehören: Aus Gnade werden Gläubige in sein Reich hinein gerettet. Zu seinem Reich zu gehören, bedeutet, ihm gehorsam zu sein. Aus Gnade macht Gott den Gläubigen „von Herzen gehorsam“. Er schreibt sein Gesetz auf ihre Herzen. Zum letztendlichen Reich Gottes werden nur jene gehören, die auf diese Weise von Gott neu geboren wurden. Gnade Gottes und Reich Gottes gehören zusammen. Das Evangelium der Gnade ist auch das Evangelium des Reiches. Man darf dieses Evangelium nicht zerteilen, zerschneiden oder zerbrechen. Das Evangelium ist „Gottes Kraft“ (Röm 1,16) und vereint seine Gnade mit seinem Reich. Wie können wir es wagen, diese Kraft an diesem entscheidenden Punkt durch Zerteilung anzutasten?

Gläubige sind Untertanen Christi und damit unter seinem Gesetz – nicht im Sinne des Alten Bundes, in dem sich das Gesetz als kraftlos erwiesen hat, sondern im Neuen Bund, der die innerliche Erneuerung zum Gehorsam mit einschließt. Teilhaber des Neuen Bund sind der Ethik des Neuen Testamentes verpflichtet und von Herzen gehorsam. Ob sie Gott wirklich lieben, d.h. wirklich gläubig sind, ist an ihrem Gehorsam abzulesen, der in der Jetztzeit noch nicht perfekt, aber erkennbar sein kann.

Das eine, ewige Evangelium besagt: Tut Buße und glaubt. Kehrt um von euren Sünden zu Gott und glaubt an Jesus, den Messias – und verherrlicht somit Gott. Der Glaube bezieht sich auf den Herrn Jesus als Person. Heute dürfen wir wissen, dass Jesus am Kreuz die Sühnung vollbracht hat und auferstanden ist. Schon vor dem Kreuz rettete der Glaube an ihn. Schon im Alten Testament rettete der Glaube an den Erlöser, der vom Sündenfall an verheißen war.

Die frohe Botschaft verheißt das Heil, die Rettung, durch den Messias. Rettung meint ewiges Leben bei Gott als Angehöriger des einen Volkes Gottes und Untertan seines Reiches – mit Jesus als Erlöser auf dem Thron (Offb 22,1). Ob dieses ewige Leben und diese Heilshoffnung ein irdisches „tausendjähriges Reich“ beinhaltet oder nicht, ist dabei völlig nebensächlich und gehört nicht zu dieser Botschaft. Nirgends lehrt die Schrift die spezielle Erwartung eines irdischen Reiches als so besonderen „Aspekt“, dass sie daraus das Konzept eines speziellen „Evangelium des Reiches“ machen würde, geschweige denn, dass dies eine Botschaft für eine spezielle künftige Zeit oder spezielle Volksgruppe wäre. Mögen wir bibeltreuen Christen uns doch wenigstens darin einig sein, dass es nur ein einziges wahres Evangelium gibt.

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