Gnade ist nicht voraussetzungslos

Die folgenden Zeilen befassen sich mit dem vielleicht folgenschwersten Missverständnis der Reformation, dass Gnade bedingungslos sei, ein Geschenk ohne jede Vorleistung. Ich will das in kurzen Absätzen belegen und bitte die Leser, nicht auf Basis vorgefertigter Meinungen oder kirchlicher Lehrtraditionen, darauf zu reagieren, sondern wie die Beröer (Apg 17,11)

Das Ergebnis vorab:

Definition biblischer/rettender Gnade

Gnade ist Gottes geschenktes Wohlwollen jenen gegenüber, die durch Gottesfurcht und Gerechtigkeit Seine Gnade suchen. Diese Gnade Gottes ist ein Angebot und kann nur deshalb erlangt werden, weil Gott in Christus Gnade erweisen will. Sie gilt allen Menschen, die dem Evangelium vom Reich Gottes glauben und gehorchen. Gnade ist nicht bedingungslos, denn die Vergebung unserer Sünden ist davon abhängig, dass auch wir unseren Schuldigern vergeben (Vater Unser). Die Liebe Gottes ist an unseren Gehorsam gekoppelt, ebenso die Freundschaft unseres Herrn Jesus. Unsere letztgültige Errettung hängt davon ab, in Christus zu bleiben (und Er in uns) und Frucht zu bringen. Dass wir verdorren, abgeschnitten und verbrannt werden können, ist kein Widerspruch zur Gnade, sondern konsistent mit den Bedingungen der Gnade. Gnade ist nicht voraussetzugslos.

zur Begründung:

Wir sind vor Grundlegung der Welt erwählt, aber nach Vorkenntnis unserer tätigen Umkehr zum Herrn Jesus

Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jedem geistlichen Segen in den himmlischen Regionen in Christus, wie er uns in ihm auserwählt hat vor Grundlegung der Welt, damit wir heilig und tadellos vor ihm seien in Liebe. Er hat uns vorherbestimmt zur Sohnschaft für sich selbst durch Jesus Christus, nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob der Herrlichkeit seiner Gnade, mit der er uns begnadigt hat in dem Geliebten. (Eph,3-6)

Kalvinisten begründen mit dieser Stelle die „unwiderstehliche Gnade“ Gottes, mit der wir erwählt sind, und die Erwählten auch aufgrund dieser Erwählung errettet werde. Voraussetzungsloser lässt sich Gnade nicht beschreiben, da vor der Grundlegung der Welt nicht der Funken einer Regung des menschlichen Willens möglich war.

Die auserwählt sind gemäß der Vorsehung Gottes, des Vaters, in der Heiligung des Geistes, zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut Jesu Christi. (1.Petr 1,2)

Die Erwählung erfolgt jedoch, entsprechend der Vorsehung, die eben auch die menschlichen Willensregungen voraussieht. Das gibt der Erwählung eine andere Bedeutung, denn so ist sie nicht mehr voraussetzungslos, sondern schließt die Antwort des Menschen auf das Evangelium mit ein. Erwählte sind also nur die, die das Evangelium im Glauben annehmen; während alle Menschen grundsätzlich berufen sind.

Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt! (Mat 22,14)

Die Auserwählten sind also nur ein Teil derer, die berufen sind. Das sind jene, die tun, was im Evangelium gefordert ist:

Diesen hat Gott zum Fürsten und Retter zu seiner Rechten erhöht, um Israel Buße und Vergebung der Sünden zu gewähren. Und wir sind seine Zeugen, was diese Tatsachen betrifft, und auch der Heilige Geist, welchen Gott denen gegeben hat, die ihm gehorchen. (Apg 5,31-32)

Der Heilige Geist, die Gabe der Gnade Gottes, wird denen gegeben, die Jesus darin gehorchen, dass sie an Ihn glauben und von ihren Sünden umkehren. Die Erwählung der Gnade wird deshalb erst dann real im Leben der Menschen, wenn diese bereits etwas getan haben: Buße. Diese Buße besteht nicht allein in Worten:

Sondern ich verkündigte zuerst denen in Damaskus und in Jerusalem und dann im ganzen Gebiet von Judäa und auch den Heiden, sie sollten Buße tun und sich zu Gott bekehren, indem sie Werke tun, die der Buße würdig sind. (Apg 26,20)

Wir werden errettet aus Gnade aufgrund unserer Werke, jedoch nicht durch das Halten des mosaischen Gesetzes.

Und wird nicht der von Natur Unbeschnittene, der das Gesetz erfüllt, dich richten, der du trotz Buchstabe und Beschneidung ein Übertreter des Gesetzes bist? Denn nicht der ist ein Jude, der es äußerlich ist; auch ist nicht das die Beschneidung, die äußerlich am Fleisch geschieht; sondern der ist ein Jude, der es innerlich ist, und seine Beschneidung geschieht am Herzen, im Geist, nicht dem Buchstaben nach. Seine Anerkennung kommt nicht von Menschen, sondern von Gott. (Röm 2,27-29)

Die Rede ist von den Heidenchristen, welche nicht beschnitten sind, was bei Judenchristen starke Irritationen hervorrief, die am „Apostelkonzil“ (Apg 15) geklärt wurden, aber die gesamte Frühzeit der Gemeinde bis zur Zerstörung des Tempels heftig diskutiert wurde. Das ist ganz zentral zum Verständnis aller Paulusbriefe, die man ohne diesem Hintergrund leicht missversteht und in ihrer Bedeutung verdreht (2.Petr 3,16).

Es steht hier, die Heidenchristen erfüllen das Gesetz nicht gemäß der äußeren Beschneidung, sondern gemäß der Bescheidung des Herzens (= der neuen Geburt). Nun ist ein Wort hier sehr wesentlich: Anerkennung! Gott anerkennt sie, das heißt Er anerkennt ihr Bemühen und Tun. Die Gnade Gottes schließt Anerkennung also nicht aus, sondern ist eine Antwort auf tätige Umkehr und Gehorsam eines suchenden Menschen.

Da tat Petrus den Mund auf und sprach: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht, sondern dass in jedem Volk derjenige ihm angenehm ist, der ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt! (Apg 10,34-35)

Der Annahme des Kornelius durch Gott gingen dessen Gottesfurcht und tätige Gerechtigkeit voraus. Daran erkennt Petrus ein universelles Prinzip! Gott nimmt die an, die Ihn fürchten und Gerechtigkeit üben – die Gnade Gottes ist die Antwort auf dieses Verhalten der Menschen!

Drangsal und Angst über jede Menschenseele, die das Böse vollbringt, zuerst über den Juden, dann auch über den Griechen; Herrlichkeit aber und Ehre und Friede jedem, der das Gute tut, zuerst dem Juden, dann auch dem Griechen. … nach meinem Evangelium. (Röm 2,9-10+16)

Das Gericht erfolgt immer und ausnahmslos nach den Werken; folglich kann die Errettung aus Gnade niemals im Widerspruch zum Tun des Guten oder der Gerechtigkeit stehen. Paulus macht ganz klar, dass diese Wahrheit zum Evangelium gehört, welches er predigt. Er sagt dies auch nicht, um die Unfähigkeit des Menschen zum Tun des Gutes auf die Spitze zu treiben, denn dann können wir die Aussage des Petrus vor Kornelius nicht gelten lassen. Paulus sagt auch nicht, dass die Errettung ohne Glauben geschieht, ohne Gottesfurcht. Er sagt aber, genau wie Jakobus:

Denn vor Gott sind nicht die gerecht, welche das Gesetz hören, sondern die, welche das Gesetz befolgen, sollen gerechtfertigt werden. (Röm 2,13)

Diese Verse werden deshalb meist übersehen, weil Martin Luther Röm 3,28 zum Schlüsselvers des Römerbriefes machte, und diesen sogar falsch übersetzte, indem er ein „allein“ hinzufügte, um Paulus sagen zu lassen, wir würden allein durch Glauben errettet, was kategorisch alles andere ausschließen würde. Stattdessen steht aber:

So kommen wir nun zu dem Schluss, dass der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt wird, ohne Werke des Gesetzes. Oder ist Gott nur der Gott der Juden und nicht auch der Heiden? Ja freilich, auch der Heiden! Denn es ist ja ein und derselbe Gott, der die Beschnittenen aus Glauben und die Unbeschnittenen durch den Glauben rechtfertigt. (Röm 3,28-30)

Der Glaube rettet ohne die Werke des mosaischen Gesetzes! Man merkt auch hier, im unmittelbaren Zusammenhang, den Konflikt um die Frage der Beschneidung und der Geltung des mosaischen Gesetzes, welche die Gemeinden damals so sehr beschäftigte. Gnade reagiert also auf Glauben, Gottesfurcht und das Tun der Gerechtigkeit, nicht jedoch auf die buchstäbliche Erfüllung des (in Christus vollendeten) Gesetzes. Der Buchstabe des Gesetzes ist nicht das Kriterium zur Errettung und war es auch früher nicht. Immer lebte der Gerechte durch Glauben, aber der Glaube erwies sich immer in praktizierter Gerechtigkeit, sodass auch hier Errettung (Gnade) niemals voraussetzungslos gemeint war.

Gnade wird gesucht und gefunden durch Gerechtigkeit und Gottesfurcht

Noah aber fand Gnade in den Augen des Herrn. Dies ist die Geschichte Noahs: Noah, ein gerechter Mann, war untadelig unter seinen Zeitgenossen; Noah wandelte mit Gott. (1.Mose 6,8-9)

Und der Herr sprach zu Noah: Geh in die Arche, du und dein ganzes Haus! Denn dich allein habe ich vor mir gerecht erfunden unter diesem Geschlecht. (1.Mose 7,1)

Warum Noah errettet wurde, macht Gott ganz klar: Weil er gerecht und untadelig mit Gott lebte. Hier steht nun, dass er deshalb Gnade vor Gott gefunden hatte. Gnade ist Gottes Antwort auf Noahs Gerechtigkeit und Glauben!

Darum kann und muss Gnade aktiv gesucht werden, indem man den, von dem man alles andere als Gnade erwartet, besänftigt, entgegenkommt und gnädig stimmt. Das gilt in Bezug auf Menschen und auf Gott:

Und Jakob sandte Boten vor sich her zu seinem Bruder Esau ins Land Seir, in das Gebiet von Edom. Diesen gebot er und sprach: So sollt ihr zu meinem Herrn Esau sagen: So spricht dein Knecht Jakob: Ich bin bei Laban in der Fremde gewesen und habe mich bisher bei ihm aufgehalten, und ich habe Rinder, Esel und Schafe, Knechte und Mägde erworben; und ich sende nun Boten, um es meinem Herrn zu berichten, damit ich Gnade finde vor deinen Augen! (1.Mose 32,4-6)

So tue nun Buße über diese deine Bosheit und bitte Gott, ob dir die Tücke deines Herzens vielleicht vergeben werden mag; denn ich sehe, dass du in bitterer Galle steckst und in Fesseln der Ungerechtigkeit! (Apg 8,22-23)

Jakob fürchtete sich vor seinem Bruder Esau (zurecht!) und Simon der Zauberer sollte sich (zurecht) vor Gott fürchten. In beiden Fällen wird Gnade nicht einfach zugesagt, sie soll mit Furcht und Zittern erfleht werden, indem man guten Willen, Reue und Umkehr beweist.

Der Herr Jesus gebraucht das Wort Gnade im Sinne von Dank

Und wenn ihr die liebt, die euch lieben, was für einen Dank erwartet ihr dafür? Denn auch die Sünder lieben die, welche sie lieben. Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, was für einen Dank erwartet ihr dafür? Denn auch die Sünder tun dasselbe. Und wenn ihr denen leiht, von welchen ihr wieder zu empfangen hofft, was für einen Dank erwartet ihr dafür? (Luk 6,32-34)

Wo hier „Dank“ steht, steht im Griechischen Text das Wort für Gnade. In den Parallelstellen in der Bergpredigt steht stattdessen das Wort für Lohn. Dass zeigt uns, dass Gnade, Dank und Lohn synonym gebraucht werden können! Wenn Gnade aber auch als Dank und Lohn gilt, so ist Gnade nicht voraussetzungslos.

Diese Verse sind übrigens die einzigen, in denen der Herr Jesus selbst das Wort Gnade gebraucht (neben Luk 17,9, wo es im selben Sinn gebraucht wird). Auch das bestätigt, dass Gnade eine Reaktion ist.

Es liegt nicht an unserem Laufen und Wollen, doch wir müssen laufen und wollen

Und nicht allein dies, sondern auch, als Rebekka von ein und demselben, von unserem Vater Isaak, schwanger war, als die Kinder noch nicht geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten – damit der gemäß der Auserwählung gefasste Vorsatz Gottes bestehen bleibe, nicht aufgrund von Werken, sondern aufgrund des Berufenden –, wurde zu ihr gesagt: »Der Ältere wird dem Jüngeren dienen«; wie auch geschrieben steht: »Jakob habe ich geliebt, Esau aber habe ich gehasst.« (Röm 9,10-13)

Diese Erwählung Gottes ist souverän, hat aber nicht direkt mit der Errettung des Einzelnen zu tun, sondern mit dem Heilsplan Gottes und dessen Verwirklichung in der Geschichte. Nur indirekt lässt sich dieses Prinzip auf uns anwenden, und darf nicht so ausgelegt werden, dass es dem Rest der Schrift widerspricht. Auch in Blick auf Jakob und Esau gilt die Vorkenntnis, denn Esau erwies sich tatsächlich (aus freier Entscheidung) des Erstgeburtsrechts als unwürdig. Die Erwählung durch Gott hat dies vorausgesehen, aber nicht bewirkt.

Bei all dem gilt, dass Gnade immer frei ist und freiwillig erwiesen wird. Das heißt aber nicht, dass Gnade voraussetzungslos ist, wie der folgende Vers oft missverstanden wird:

Was wollen wir nun sagen? Ist etwa Ungerechtigkeit bei Gott? Das sei ferne! Denn zu Mose spricht er: »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und über wen ich mich erbarme, über den erbarme ich mich«. So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. (Röm 9,14-16)

Paulus reagiert hier auf die Frage, diese Erwählung sich mit unserem Wollen und Laufen verhält. Ganz richtig stellt er fest, dass unsere Bemühungen Gott keineswegs zwingen, uns gnädig zu sein! Gnade ist Erbarmen. Esau musste Jakob aufgrund seiner tätigen Reue keineswegs Gnade erweisen; ebenso muss Gott auch uns nicht vergeben, wenn wir darum bitten. Es liegt also nicht an unserem Wollen und Laufen, dennoch erlangen wir keine Gnade ohne dass wir wollen und laufen:

Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen da dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst! (Offb 22,17)

Es geht hier sowohl um das Wollen und das Laufen (Kommen) – aber aufgrund eines Angebots. Die Gnade Gottes wird den Menschen im Evangelium angeboten, aber sie wird nur jenen zuteil, die glauben und glaubwürdige Werke der Buße tun.

Definition biblischer/rettender Gnade

Gnade ist Gottes geschenktes Wohlwollen jenen gegenüber, die durch Gottesfurcht und Gerechtigkeit Seine Gnade suchen. Diese Gnade Gottes ist ein Angebot und kann nur deshalb erlangt werden, weil Gott in Christus Gnade erweisen will. Sie gilt allen Menschen, die dem Evangelium vom Reich Gottes glauben und gehorchen. Gnade ist nicht bedingungslos, denn die Vergebung unserer Sünden ist davon abhängig, dass auch wir unseren Schuldigern vergeben (Vater Unser). Die Liebe Gottes ist an unseren Gehorsam gekoppelt, ebenso die Freundschaft unseres Herrn Jesus. Unsere letztgültige Errettung hängt davon ab, in Christus zu bleiben (und Er in uns) und Frucht zu bringen. Dass wir verdorren, abgeschnitten und verbrannt werden können, ist kein Widerspruch zur Gnade, sondern konsistent mit den Bedingungen der Gnade. Gnade ist nicht voraussetzugslos.

 

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