Hauptunterschiede zwischen Evangelikalen und Täufern

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Von Martin Nolan (Anabaptistchurch)

Evangelikale üben mehr Einfluss auf die Täufer in den USA aus, als jede andere christliche Gruppe (das trifft auch auf Europa zu). Weil sie in so vielen Themen, wie die Autorität der Bibel, exakt gleich glauben wie die Täufer, spüren wir eine gewisse Verwandtschaft zu ihnen und versuchen, die Unterschiede zu verringern. Wenn Täufer Materialien zum Bibelstudium brauchen, wenden sie sich an evangelikale Bücher und Kommentare. Viele christliche Radiostationen werden von Evangelikalen betrieben, und viele Täufer, die Radios haben, suchen diese Sender und hören evangelikale Lehre und Musik. Dieser evangelikale Einfluss hat die Tendenz, die besonderen Glaubensüberzeugungen vieler Täufer noch mehr abzuschleifen, als es die körperliche Verfolgung in den Tagen der Reformation tat.

Was sind die besonderen Glaubensüberzeugungen der Täufer? Der erste Unterschied, und möglicherweise ist es der einzige Unterschied, den viele Täufer erwähnen würden, ist die Wehrlosigkeit (nonresistance), welchen Evangelikale nicht teilen. Obwohl diese sichtbare Abweichung voneinander ein bedeutender Unterschied ist, sind seine Wurzeln in noch tiefer liegenden Lehrdifferenzen. Der grundlegendste dieser Unterschiede liegt in der Auslegung der Bibel. Obwohl beide Gruppen an die Autorität der Bibel glauben und sogar ähnliche Methoden in der Auslegung der Bibel verwenden, führt der täuferische Zugang zur Bibel aufgrund einiger anderer Voraussetzungen zu deutlich anderen Ergebnissen.

Erstens: Die täuferische Auslegung der Bibel konzentriert sich auf die Lehren Christi und Seinen Ruf zur Jüngerschaft. Der Rest der Bibel wird durch diese Linse betrachtet und ausgelegt, damit es keinen Widerspruch zu den Lehren Christi, dem Haupt der Gemeinde, gibt. Das ergibt andere Schlussfolgerungen, als wenn die Auslegung sich auf die Schriften von Paulus konzentriert, wie das in evangelikaler Lehre oft der Fall ist. Eine Christus-zentrierte Auslegung betont, dass die Lehren Christi durch die befähigende Gnade Gottes befolgt werden können und befolgt werden müssen, um den Eintritt in das Königreich Gottes zu erlangen. Eine Paulus-zentrierte Auslegung hingegen neigt dazu, die sündhafte Natur des Menschen überzubetonen und lässt den Menschen in seinem Streben nach dem Guten völlig hilflos erscheinen. Folglich werden viele der Lehren Christi in der Gegenwart als unerfüllbar gesehen. Tatsächlich ist es so, dass einige, die die Bibel so auslegen, die Gültigkeit von Jesu Lehren auf eine zukünftige Zeit verschieben (so in manchen dispensationalistischen Auslegungen). Gottes Barmherzigkeit und Vergebung wird in diesem System eher betont als sorgfältiger Gehorsam.

Zweitens: Täufer glauben, dass das Neue Testament über dem Alten steht. Sie glauben, dass das Alte Testament nach vorne auf Christus hinweist, während das Neue Testament die letzte und endgültige Offenbarung Christi ist. Auf der anderen Seite haben viele Evangelikale eine „flache Bibel“, indem sie das Alte und das Neue Testament auf dieselbe Stufe stellen. Von jüdischen Zeremonial- und Speisegesetzen abgesehen, ist die Moral der Evangelikalen der jüdischen Moral sehr ähnlich. Eide, das Anhäufen von Reichtum, die Teilnahme am Krieg und Scheidung und Wiederheirat sind für Evangelikale akzeptabel, weil sie im Alten Testament akzeptiert waren. Für die Täufer gilt, dass sie neutestamentlichen Lehren zu diesen Themen die des Alten Testaments übertrumpfen.

Drittens: Täufer glauben, dass die Bibel dann am besten ausgelegt wird, wenn der Gläubige entschlossen ist, ihr zu gehorchen. Die frühen Täufer waren sehr besorgt zu sehen, wie die Gelehrten ihrer Tage die Bibel verdrehten, um sich der Kraft eines Gebotes zu entziehen. Die Täufer heute verwerfen die übliche Unterscheidung zwischen Geboten, die in der Form und geistlich für alle Christen aller Zeiten verbindlich sind, und andererseits solchen, die nur im Geist befolgt werden sollen. Viele glauben, dass zur ersten Gruppe solche Dinge gehören wie Taufe und Abendmahl, während zur zweiten Gruppe solche Gebote gehören, wie einander mit dem Heiligen Kuss zu grüßen, einander die Füße zu waschen und die Kranken mit Öl zu salben. Täufer halten fest, dass diese Gebote ebenso wie Abendmahl und Taufe von allen Christen überall gehalten werden müssen, bis zum Ende des Zeitalters. Der Mennonitische Theologe J.C. Wenger sagte: „Es gibt keine exegestischen Einwände gegen die Praxis der Fußwaschung, die man nicht ebenso beispielsweise gegen die Praxis der Taufe vorbringen könnte.“

Von der Bibelauslegung bewegen wir uns nun zu einem weiteren fundamentalen Unterschied zwischen Täufern und evangelikalen Protestanten, dem Verständnis der Erlösung. Täufer betonen, dass man aus Gnade durch einen tätigen Glauben gerettet wird (Achtung: Das ist nicht Glaube plus Werke). Sie glauben, dass Gott bei der Bekehrung einen Menschen durch das Blut Christi von seinen vergangenen Sünden reinigt, und diesen Menschen durch und durch verändert, indem Er ihn von der Knechtschaft der Sünde befreit und ihn tatsächlich befähigt, ein gerechtes Leben zu führen. Gott erklärt den Sünder für gerecht, weil das Werk Christi am Kreuz und (!) sein gegenwärtiges Werk im Herzen des Gläubigen befähigt, auch real gerecht zu leben. Das rechte Leben ist deshalb ein entscheidender Beweis dafür, dass ein Mensch Buße getan, geglaubt und sich Christus hingegeben hat.

Das steht im Gegensatz zum evangelikalen Verständnis, dass die Rechtfertigung lediglich das Resultat von einer „Buchhaltungstransaktion“ in den Büchern des Himmels ist, welche völlig außerhalb der Person stattfindet. Entsprechend dieser Sicht, werden, sobald ein Sünder das Übergabegebet spricht, dessen Sünden von seinem „Konto“ abgebucht, und Christi Gerechtigkeit wird stattdessen auf seinem „Konto“ gutgeschrieben. Wenn also Gott demnach eine Person ansieht, dann ist alles, was Er jemals sehen wird, Christi Gerechtigkeit, und zwar unabhängig davon, wie diese Person lebt (oder stirbt). Gott erklärt den Sünder für gerecht, egal wie es in der Realität aussieht. Gemäß dieser Sicht sollte ein gerechtes Leben der Bekehrung folgen, doch das hat nichts damit zu tun, wie Gott diese Person beurteilt. Das hat nur auf seinen Lohn einen Einfluss.

Evangelikale sehen ein riesiges überdimensioniertes Kreuz über der Bibel, welches Christi Ruf in die Jüngerschaft unkenntlich macht und Gehorsam für nicht notwendig erklärt. Täufer hingegen sehen in der Bibel keinen Unterschied zwischen einem Jünger Christi und einer geretteten Person. Milo Zehr schrieb dazu: „Protestanten glauben, dass Christus am Kreuz genug getan hat, um die Gläubigen von der Schuld der Ursünde zu befreien. Täufer glauben, dass Christus jeden Tag genug tut, um die Menschen sowohl von der Schuld als auch vom Tun der Sünde zu befreien.“

Die evangelikale Sicht der Erlösung führt in vielen Fällen zu einem schlampigen Leben. So ist zum Beispiel die Scheidungsrate unter Christen in Amerika fast gleich hoch wie unter Nichtchristen. Ist das nicht ein kleines Fenster, das uns den Blick darauf öffnet, dass im populären Christentum etwas schwerwiegend falsch ist? Die meisten evangelikalen sehen keinen Vorteil für sich darin, ein heiliges Leben zu führen, aufgrund ihrer Sicht von der Erlösung.

Ich muss klarstellen, dass Täufer nicht glauben, eine Person sei mit der Bekehrung schon vollkommen gemacht. Nach 1.Joh 1,7: „Wenn wir im Licht wandeln … dann reinigt uns das Blut Christi von aller Sünde.“ Würden wir vollkommen leben in diesem Licht, benötigten wir keine Reinigung von Sünde; also glaubte Johannes offensichtlich, dass ein Person, die im Licht wandelt, immer noch von Zeit zu Zeit straucheln und Einigung brauchen würde. Wir müssen zwei falsche Annahmen vermeiden: (1) Nach unserer Bekehrung sündigen wir nicht mehr. (2) Wir können gewohnheitsmäßig sündigen und Gemeinschaft mit Gott haben. Die Reinigung von den Sünden hängt davon ab, das wir im Licht wandeln, was ich so verstehe, dass wir danach streben, Christus zu gehorchen und zu tun, was recht ist.

Die Bibel sagte, dass Noah, Abraham und Hiob in Gottes Augen gerecht waren. Wir wissen aber, dass sie nicht perfekt waren. Wir wissen auch, dass ihre Gerechtigkeit nicht bloß das Resultat einer Buchhaltungstransaktion im Himmel war, sondern vielmehr, dass Gerechtigkeit (rechtes Leben) das Grundmuster ihres Lebens war. Was wäre das für Affront Satan gegenüber gewesen, wenn Hiobs Gerechtigkeit nur das Resultat himmlischer Buchhaltung gewesen wäre?

Ein weiterer Unterschied im Verständnis der Erlösung ist der Status der Kinder. Obwohl Täufer ihren Kindern mit Sorgfalt das Wort Gottes beibringen, liegt ihr Fokus nicht darauf, das Kind so bald als möglich zu bekehren. Sie glauben, dass ihre Kinder sicher und durch das Blut Jesu bedeckt sind, bis sie das Alter erreicht haben, ab dem sie für ihr Handeln verantwortlich sind. Zu dieser Zeit wird das Kind Christus entweder annehmen oder verwerfen. Dieses Alter variiert bei den einzelnen, aber für die meisten fällt es zwischen das 8. und 17. Lebensjahr.

Evangelikale glauben, dass Kinder verloren sind, bevor sie Christus annehmen. Sie konzentrieren sich darauf, dass das Kind gerettet wird. Viele ihrer Kinder sagen das Übergabegebet schon mit 7. Für mich unterscheidet sich Kinderevangelisation nicht so sehr von Kindertaufe. Ich denke, ich könnte die meisten 3-jährigen dazu bringen, ein Gebet zu sagen, das Jesus in ihr Herz einlädt. Aber 3-jährige wissen nichts von Jüngerschaft, und wenn sie nicht später im Leben, wenn sie die Bedeutung wirklich erfassen können, darüber belehrt werden, werden sie nie wahre Jünger Christi werden; und das ist es, was ein Christ ist. Deshalb folgen traurigerweise viele, die mit 7 ein Übergabegebet gesprochen haben, mit 17 eher der Welt als Christus.

Täufer glauben, dass ihre vorrangige Bürgerschaft die im himmlischen Königreich ist, das von Jesus Christus regiert wird. Deshalb glauben sie nicht, dass es ihre Aufgabe ist, in den Königreichen der Welt, wo sie nur als Pilger leben, für Ordnung zu sorgen, sondern vielmehr die Menschen in das Königreich einzuladen. Evangelikale glauben, dass Christen mithelfen müssen, die Ordnung in der Gesellschaft zu bewahren. Sie haben es noch nie verstanden, wie man den Gesetzen des Königreiches Jesu folgen soll, und gleichzeitig für Ordnung in den Königreichen dieser Welt sorgen kann. Es scheint, dass sie am Ende die Werte des Königreichs fallen gelassen haben.

Aufgrund der Gebote Jesu „Liebt eure Feinde“ und „Widersteht dem Bösen nicht“, sind Täufer fest davon überzeugt, dass sie sich nicht an Kriegen beteiligen dürfen. Trotzdem erachten sie den Staat als notwendig und von Gott eingesetzt (Röm 13). Sie sind deshalb keine Gegner der Todesstrafe, da sie anerkennen, dass die Obrigkeit „das Schwert nicht umsonst trägt“. Sie sind also nicht, wie Harold Martyn sagte, „Humanistische Pazifisten auf dem Kreuzzug, alle Kriege zu beenden“. Ihre Einstellung ist die, den Schutz, den der Staat bietet, dankbar anzunehmen, wie es auch Paulus tat. Doch wenn dieser Schutz ausbleiben oder der Staat sich gegen sie wenden sollte, werden sie lieber Gewalt erdulden, als einem Mitmenschen zu schaden.

Im 16. und 17. Jahrhundert haben sich die katholisch und protestantisch geprägten Obrigkeiten gegen die Täufer gewandt und sie mit schrecklicher Grausamkeit verfolgt. Trotz dieser fürchterlichen Verfolgung haben die Täufer ihren Glauben bewahrt und sich multipliziert. Wir sind dankbar, dass uns die Protestanten nicht mehr verfolgen und sie vielmehr für die Verfolgung durch ihre Vorväter entschuldigen. Täufer müssen jedoch wachsam bleiben, damit sie in dieser Zeit der Freundlichkeit nicht unbewusst und scheibchenweise ihre Überzeugungen preisgeben. Wie geht es uns wirklich angesichts des subtilen Ansturms evangelikaler Bücher und Medien?

Ich wollte die Täufer nicht als solche vorstellen, die alles richtig haben. Gewiss haben auch wir ziemlich viele eigene Probleme. Wo immer wir Recht haben, ist das durch Gottes Gnade. Ich wollte auch nicht die Evangelikalen so vorstellen, als hätten sie nur Unrecht. Wie ich eingangs sagte, wir haben viel gemeinsam. Viele von ihnen suchen sehr ernsthaft Gott und streben danach seinen Willen zu tun, obwohl sie falsche Lehren glauben. Ich glaube aber, dass es wichtig ist, dass wir verstehen, dass es deutliche Unterschiede gibt, die tiefer gehen als die Art wie wir uns kleiden oder die Wehrlosigkeit, die es wichtig erscheinen lassen, dass es die Gemeinschaft der Täufer gibt.

Weiters möchte ich uns allen zurufen, in der Gnade und der Erkenntnis Jesu Christi zu wachsen, während wir entsprechend dem Licht, das wir bereits empfangen haben, wandeln.

 

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