Katechismus des Nicht-Widerstrebens

Von Adin Ballou (1803-1890 – rechtes Bild)
zitiert im Buch von Leo Tolstoy (1828-1910): „Das Reich Gottes ist inwendig in euch

Frage. Woher kommt das Wort Nicht-Widerstreben?

Antwort. Von dem Ausspruche Math. 5,39: Du sollst nicht widerstreben dem Uebel.

Was bedeutet dieses Wort?

Es bedeutet eine hohe christliche Tugend, die Christus vorgeschrieben hat.

Muß man das Wort Nicht-Widerstreben in seiner weitesten Bedeutung auffassen, das heißt, will es sagen, daß man in keinem Falle dem Uebel widerstreben darf?

Nein, es muß genau in dem Sinne der Vorschrift des Heilands verstanden werden, das heißt man soll nicht Böses mit Bösem vergelten. Dem Bösen muß man durch alle gerechten Mittel widerstreben, keineswegs aber mit Bösem.

Woraus geht hervor, daß Christus das Nicht-Widerstreben in diesem Sinne vorgeschrieben hat?

Aus den Worten, die er dabei gesprochen hat. Er hat gesagt: »Ihr habt gehört, daß den Alten gesagt ward: Auge um Auge, Zahn um Zahn, ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Uebel; sondern so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar, und so jemand mit dir rechten will und deinen Rock nehmen, dem laß auch den Mantel.«

Wen meinte er mit den Worten: »Ihr habt gehört, daß da gesagt ist«?

Die Patriarchen und Propheten. Das, was sie gesagt haben und was in den Schriften des Alten Testaments aufbewahrt ist, das die Juden gewöhnlich das Gesetz und die Propheten nennen.

Welche Vorschriften verstand Christus unter den Worten: »Euch ist gesagt worden«.

Die Vorschriften, in welchen Noah, Moses und die anderen Propheten das Recht geben, denjenigen, die Schaden bringen, persönlichen Schaden zuzufügen, um sie zu strafen und die bösen Thaten auszurotten.

Führet solche Vorschriften an.

»Wer Menschenblut vergißt, des Blut soll auch durch Menschen vergossen werden.« (1. Buch Mose 9,6.)

»Wer einen Menschen schlägt, daß er stirbt, der soll des Todes sterben. Kommt aber ein Schaden daraus, so soll er lassen Seele um Seele, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brand um Brand, Wunde um Wunde, Beule um Beule.« (2. Buch Mose 21,12. 23. 24. 25.)

»Wer irgend einen Menschen erschlägt, der soll des Todes sterben.« »Und wer seinen Nächsten verletzet, dem soll man thun, wie er gethan hat.« »Schade um Schade, Auge um Auge, Zahn um Zahn.« (3. Buch Mose 24,17. 19. 20.)

»Und die Richter sollen wohl forschen, und wenn der falsche Zeuge hat ein falsches Zeugnis wider seinen Bruder gegeben, so sollt ihr ihm thun, wie er gedachte seinem Bruder zu thun. Dein Auge soll seiner nicht schonen. Seele um Seele, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß.« (5. Buch Mose 19,18. 21.)

Das sind die Vorschriften, von denen Christus spricht.

Noah, Moses und die Propheten haben gelehrt, daß ein Mensch, der seinen Nächsten tötet, verwundet oder peinigt, Uebles thut. Um diesem Uebel zu widerstreben und es aus der Welt zu schaffen, muß man den Uebelthäter mit dem Tode oder mit Verstümmelung oder mit irgend einer persönlichen Qual strafen. Man muß Kränkung gegen Kränkung setzen, Totschlag gegen Totschlag, Qual gegen Qual, Uebel gegen Uebel. So haben Moses und die Propheten gelehrt. Christus aber verwirft all dies. »Ich aber sage euch,« heißt es im Evangelium, »daß ihr nicht widerstreben sollt dem Uebel, daß ihr nicht der Kränkung durch Kränkung widerstreben sollt, daß ihr eher eine zweite Kränkung ertragen sollt von dem Uebelthäter.« – Was erlaubt war, wird verboten. Da wir begriffen haben, welcher Art des Widerstrebens sie gelehrt haben, wissen wir auch, was das Nicht-Widerstreben Christi lehrt.

Haben die Alten gestattet, der Kränkung mit Kränkung zu widerstreben?

Ja, aber Jesus hat das verboten. Der Christ hat in keinem Falle das Recht, einen Mitmenschen, der Uebel thut, des Lebens zu berauben oder ihm einen Schaden zuzufügen.

Darf er in der Notwehr jemanden töten oder verwunden?

Nein.

Darf er vor Gericht gehen mit einer Klage, in der Absicht, daß seine Beleidiger bestraft werden?

Nein, denn was er durch andere thut, thut er in Wirklichkeit selbst.

Darf er im Heere gegen Feinde kämpfen oder gegen innere Empörer?

Gewiß nicht, er darf nicht teilnehmen am Kriege oder an kriegerischen Rüstungen. Er darf keine totbringende Waffe gebrauchen. Er darf nicht Kränkungen mit Kränkungen heimzahlen, gleichviel, ob er allein ist oder mit anderen in Gemeinschaft, selbst oder durch andere Menschen.

Darf er freiwillig für die Regierung Soldaten werben oder ausrüsten?

Er darf nichts von alledem thun, wenn er dem Gebote Christi treu sein will.

Darf er freiwillig Geld geben zur Unterstützung einer Regierung, die sich durch Kriegsmacht, durch die Todesstrafe, überhaupt durch Gewalt erhält?

Nein, sobald das Geld nicht für irgend einen besonderen Gegenstand bestimmt ist, der an sich gerecht ist, und wo nicht Zweck und Mittel gute sind.

Darf er einer solchen Regierung Steuern zahlen?

Nein, er darf freiwillig keine Steuern zahlen. Er darf sich aber der Eintreibung der Steuern nicht widersetzen. Die Steuer, die die Regierung auferlegt, wird unabhängig von dem Willen der Unterthanen eingetrieben, man darf sich ihr nicht widersetzen, damit man nicht selbst zur Gewalt greife. Gewalt aber darf der Christ nicht brauchen, darum muß er geradezu sein Eigentum der gewaltthätigen Schädigung, wie sie die Behörden ausüben, überlassen.

Darf der Christ bei den Wahlen seine Stimme abgeben und teilnehmen am Gericht oder an der Verwaltung?

Nein, die Teilnahme an den Wahlen, am Gericht oder an der Verwaltung ist die Teilnahme an der Gewalt der Regierung.

Worin besteht die Hauptbedeutung der Lehre vom Nicht-Widerstreben?

Darin, daß einzig und allein sie die Möglichkeit gibt, das Uebel mit der Wurzel zu tilgen, sowohl aus dem eigenen Herzen wie aus dem Herzen der Mitmenschen. Diese Lehre verbietet das zu thun, wodurch das Uebel in der Welt verewigt und vermehrt wird. Der Mensch, der einen andern überfällt und ihn beleidigt, entzündet in dem andern das Gefühl des Hasses, die Wurzel alles Uebels. Einen andern beleidigen, weil er uns beleidigt hat, mit dem Vorwande, das Uebel aus der Welt zu schaffen, heißt die schlechte That an ihm und an sich selbst wiederholen, heißt eben den Dämon erzeugen oder wenigstens befreien – begünstigen, den wir auszutreiben vorgeben. Der Satan kann nicht durch den Satan ausgetrieben werden, Unwahrheit kann nicht durch Unwahrheit geläutert werden und Uebel kann nicht überwunden werden durch Uebel.

Wahrhaftes Nicht-Widerstreben ist das einzige wirkliche Widerstreben gegen das Uebel, das Nicht-Widerstreben zertritt der Schlange den Kopf. Das Nicht-Widerstreben tötet und tilgt endlich das Uebelwollen aus.

Wenn nun auch der Gedanke der Lehre richtig ist, ist sie ausführbar?

Ganz so ausführbar wie alles Gute, das von Gottes Gesetzen vorgeschrieben wird. Das Gute kann nicht unter allen Umständen ausführbar sein ohne Selbstverleugnung, ohne Verzicht, ohne Leiden und, in äußersten Fällen, selbst ohne Verlust des Lebens. Wer aber sein Leben höher schätzt, als die Erfüllung des göttlichen Willens, ist schon tot für das einzige wahre Leben. Ein solcher Mensch verliert sein Leben, während er sich bemüht, es zu erhalten. Außerdem kostet überhaupt da, wo das Nicht-Widerstreben das Opfer des einen Lebens oder irgend eines wesentlichen Glückes des Lebens kostet, das Widerstreben solcher Opfer Tausende.

Das Nichtwiderstreben erhält, Widerstreben zerstört.

Es ist unvergleichlich weniger gefährlich, gerecht zu handeln, als ungerecht, eine Kränkung ertragen, als ihr mit Gewalt zu widerstreben, sogar weniger gefahrvoll in Bezug auf das wirkliche Leben. Wenn alle Menschen dem Uebel nicht mit Uebel Widerstand leisten wollten, wäre unsere Welt glückselig.

Wenn aber nur wenige so handeln werden, was wird mit ihnen geschehen?

Wenn auch nur ein Mensch so handelte und alle übrigen sich vereinigten, um ihn zu kreuzigen, wäre es nicht rühmlicher für ihn, im Triumph nicht- widerstrebender Liebe zu sterben, ein Gebet für seine Feinde auf den Lippen, als zu leben und die Krone des Cäsar zu tragen, besudelt von dem Blute der Erschlagenen? Aber ein Mensch oder Tausende, die fest entschlossen sind, dem Uebel nicht durch Uebel zu widerstreben, gleichviel, ob unter gebildeten oder wilden Mitmenschen, sind weitaus sicherer vor Gewalt, als Menschen, die sich auf Gewalt stützen. Ein Räuber, ein Mörder, ein Betrüger wird diese eher in Frieden lassen, als die Menschen, die ihm mit der Waffe Widerstand leisten. Die das Schwert ergreifen, werden vom Schwerte getötet werden, und die den Frieden suchen, die einträchtig handeln, ohne Kränkung, die Kränkungen vergessen und vergeben, werden sich meist des Friedens freuen oder, wenn sie sterben, gesegnet sterben.

So leuchtet es ein: wenn alle das Gebot des Nichtwiderstrebens beobachten würden, gäbe es keine Kränkung und keine Uebelthat. Wären diese in der Mehrzahl, so würden sie die Herrschaft der Liebe und des Wohlwollens auch über die Beleidiger aufrichten, indem sie nie dem Uebel Widerstand leisten und nie Gewalt anwenden. Oder wäre solcher eine ziemlich zahlreiche Minderheit, so würden sie eine tiefgehende sittliche Wirkung auf die Gesellschaft ausüben, daß jede grausame Strafe abgeändert würde und Gewalt und Feindschaft sich in Frieden und Liebe verwandelten. Wäre ihrer nur eine kleine Minderheit, so würden sie selten etwas Schlimmeres erfahren, als die Verachtung der Welt; die Welt aber würde, ohne es zu fühlen und ohne dafür dankbar zu sein, beständig weiser und besser werden durch diese geheime Einwirkung. Und wenn im schlimmsten Falle einige von den Mitgliedern dieser Minderheit verfolgt würden bis in den Tod, so würden diese für die Wahrheit Gestorbenen ihre Lehre zurücklassen, nun noch geheiligt durch ihr Märtyrerblut.

Und es wird Friede sein mit allen, die den Frieden suchen, und die alles überwindende Liebe wird ein unverlorenes Erbe jeder Seele sein, die sich freiwillig dem Gebote Christi fügt: »Widerstrebe nicht dem Uebel durch Gewalt.«

Adin Ballou.

Advertisements