Luther und die Bibel

Bibel1690-5

Sola Scriptura – Allein die Schrift lautet einer der Grundsätze der Reformation. Wie treu war Martin Luther diesem Grundsatz? Diese Gegenüberstellung bietet einen kleinen Einblick. So wertvoll und gesegnet seine Bibelübersetzung war (und ist), so sehr distanzieren wir uns von seiner Haltung zur Heiligen Schrift, die viele Christen zur Gesetzlosigkeit verführt und damit dem Verdammungsurteil des Herrn Jesus zugeführt hat.

Luther sagt:

Die Bibel sagt:

Luther übersetzte Röm 3,28 so:

„So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch Glauben.“

 

 

 

 

 

 

Das „allein“ kommt im Grundtext nicht vor. So widerspricht Röm 3,28 aber deutlich Jak 2,24: „So seht ihr nun, daß der Mensch durch Werke gerechtfertigt wird und nicht durch den Glauben allein.

Dabei ist zu bemerken, dass in Röm 3,28 nicht von Werken per se, sondern von den Werken des (mosaischen) Gesetzes die Rede ist; Jakobus aber spricht allgemein von Werken des Gehorsams.

Luthers „allein“ setzt den Glauben aber als absolute Antithese zu allen Arten von Werken – so wie es heute von den meisten Evangelischen/Evangelikalen verstanden wird.

Luther veränderte die Reihenfolge der neutestamentlichen Bücher. Nach den Briefen des Paulus geht es so weiter:

1. Petrus
2. Petrus
1. Johannes
2. Johannes
3. Johannes
Hebräer
Jakobus
Judas
Offenbarung

Die richtige Reihenfolge lautet jedoch folgendermaßen. Die Gründe für die Umreihung werden schnell klar.

Hebräer
Jakobus
1. Petrus
2. Petrus
1. Johannes
2. Johannes
3. Johannes
Judas
Offenbarung

Luther gab zu den biblischen Büchern Einleitungen, in denen er stark bewertete und über die Inhalte urteilte.

Zum Jakobusbrief schreibt er: „Aber dieser Jakobus tut nicht mehr, als zu dem Gesetz und seinen Werken treiben, und wirft eins so unordentlich ins andere, dass mich dünkt, es sei irgendein guter, rechtschaffener Mann gewesen, der etliche Sprüche von den Jüngern der Apostel aufgenommen und so aufs Papier geworfen hat, oder ist vielleicht nach seiner Predigt von einem andern niedergeschrieben. Er nennet das Gesetz ein Gesetz der Freiheit, obwohl es Paulus doch ein Gesetz der Knechtschaft, des Zorns, des Tods und der Sünde nennet. […] Er zerreißt die Schrift und widersteht damit Paulus und aller Schrift, will’s mit Gesetz Treiben ausrichten. Darum will ich ihn nicht in meiner Bibel in der Zahl der rechten Hauptbücher haben.“

Zum Judasbrief merkt er an: „Darum, wenn ich ihn auch preise, ist es doch nicht nötig, den Judasbrief unter die Hauptbücher zu rechnen, die des Glaubens Grund legen sollen.“

Vorrede zum Jakobus- & Judasbrief

Zum Hebräerbrief schreibt er: „Über das bietet er eine große Schwierigkeit dadurch, daß er im 6. und 10. Kapitel die Buße den Sündern nach der Taufe stracks verneinet und versagt und Kap. 12,17 sagt, Esau habe Buße gesucht und doch nicht gefunden, was wider alle Evangelien und Briefe des Paulus ist. Und obwohl man einen Ausweg aus der Schwierigkeit suchen möchte, so lauten doch die Worte so klar, daß ich nicht weiß, ob es möglich sei. Mich dünkt, es handle sich um einen Brief aus vielen Stücken zusammengesetzt und nicht überall in gleicher Höhenlage. […]Und ob er wohl nicht den Grund des Glaubens legt, wie er selbst Kap. 6,1 bezeugt, welches der Apostel Amt ist, so bauet er doch fein drauf Gold, Silber, Edelsteine, wie Paulus 1. Kor. 3,12 sagt. Deshalb soll uns nicht hindern, ob vielleicht etwas Holz, Stroh oder Heu mit untergemenget werde, sondern wir wollen solche feine Lehre mit allen Ehren aufnehmen, nur daß man sie den apostolischen Briefen nicht in allen Dingen gleichstellen soll.“

Vorrede zum Hebräerbrief

 

Zur Autorität des Jakobus sagt Paulus selbst:

Gal 2,1.2.9  „Darauf, nach 14 Jahren, zog ich wieder hinauf nach Jerusalem mit Barnabas und nahm auch Titus mit. Ich zog aber aufgrund einer Offenbarung hinauf und legte ihnen, insbesondere den Angesehenen, das Evangelium vor, das ich unter den Heiden verkündige, damit ich nicht etwa vergeblich liefe oder gelaufen wäre. […] und als sie die Gnade erkannten, die mir gegeben ist, reichten Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen gelten, mir und Barnabas die Hand der Gemeinschaft.“

Paulus besprach sich also mit Petrus, Johannes und Jakobus, um ja nichts anderes zu predigen als die „Säulen der Gemeinde“! Er stellte sich selbst unter Jakobus und bezeugt, dass sie eins sind im Evangelium.

Der Hebräerbrief lehrt auch nicht, dass nach der Taufe keine Buße mehr möglich sei, wie Luther das behauptet, sondern dass man durch den Betrug der Sünde so weit verhärtet werden kann, dass man vom Glauben abfällt und nicht mehr wiederhergestellt werden kann (man darf nicht Einzelaussagen entgegen der Gesamtaussage zitieren):

Heb 3,12-13: „Habt acht, ihr Brüder, daß nicht in einem von euch ein böses, ungläubiges Herz sei, das im Begriff ist, von dem lebendigen Gott abzufallen! Ermahnt einander vielmehr jeden Tag, solange es »Heute« heißt, damit nicht jemand unter euch verstockt wird durch den Betrug der Sünde!

Heb 12,15-17: „Und achtet darauf, daß nicht jemand die Gnade Gottes versäumt, daß nicht etwa eine bittere Wurzel aufwächst und Unheil anrichtet und viele durch diese befleckt werden, daß nicht jemand ein Unzüchtiger oder ein gottloser Mensch sei wie Esau, der um einer Speise willen sein Erstgeburtsrecht verkaufte. Denn ihr wißt, daß er nachher verworfen wurde, als er den Segen erben wollte, denn obgleich er ihn unter Tränen suchte, fand er keinen Raum zur Buße“

Es geht um einen schrittweisen Glaubensabfall, vor dem gewarnt wird. Wer jedoch glauben will, dass ein Christ weder abfallen noch verloren gehen kann, muss – wie Luther – bestimmte Bücher der Bibel schlechtreden (= verwerfen).

Dem Römerbrief schenkt Luther das Hauptaugenmerk:

„DIESE EPISTEL IST DAS RECHTE HAUPTSTÜCK des Neuen Testaments und das allerlauterste Evangelium. Welche wohl würdig und wert ist, daß sie ein Christenmensch nicht allein von Wort zu Wort auswendig weiß sondern täglich damit umgeht wie mit täglichem Brot der Seelen, denn sie kann nie zu viel und zu sehr gelesen oder betrachtet werden und je mehr sie gehandelt wird desto köstlicher wird sie und besser schmeckt sie.“

Vorrede zum Römerbrief

Im Vergleich mit den Evangelien:

„Und einem jeglichen Christen wäre zu raten, daß er dieselben am ersten und allermeisten lese und sich durch täglich Lesen so vertraut machte wie das tägliche Brot. Denn in diesen findest du nicht viel Werke und Wundertaten Christi beschrieben, du findest aber gar meisterlich dargelegt, wie der Glaube an Christus Sünde, Tod und Hölle überwindet und das Leben, Gerechtigkeit und Seligkeit gibt, welches die rechte Art des Evangeliums ist, wie du gehört hast.

Denn wenn ich je auf deren eins verzichten sollte, auf die Werke oder die Predigten Christi, dann wollte ich lieber auf die Werke als auf seine Predigten verzichten. Denn die Werke hülfen mir nichts, aber seine Worte, die geben das Leben, wie er selbst sagt.“

Vorrede zum Neuen Testament

 

 

 

 

Welche Bedeutung haben die Werke Christi und Christus selbst?

Paulus schreibt:  1.Kor 1,11: „Seid meine Nachahmer, gleichwie auch ich Nachahmer des Christus bin!“

Wir ahmen die Taten, die Werke, den Lebenswandel des Herrn nach – wie kann man darauf verzichten wollen?

Zum Apostelamt gehört, Augen- und Ohrenzeugen gewesen zu sein:

Luk 1,1-2: „Nachdem viele es unternommen haben, einen Bericht über die Tatsachen abzufassen, die unter uns völlig erwiesen sind, wie sie uns diejenigen überliefert haben, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes gewesen sind, …“

Ein Augenzeuge berichtet, was er gesehen hat (Werke, Taten), der Diener des Wortes bewahrt und verbreitet die Lehre.

Dass Luther Wort und Werke so voneinander trennt hängt damit zusammen, dass für ihn Werke keine Heilsbedeutung haben.

Petrus aber sagt, wir sollen Jesus so genau wie möglich nachfolgen:

1.Petr 2,21: „Denn dazu seid ihr berufen, weil auch Christus für uns gelitten und uns ein Vorbild hinterlassen hat, damit ihr seinen Fußstapfen nachfolgt.“

Wie treffend klagt der Psalmist:

Ps 89,51-52: „Gedenke, o Herr, an die Schmach, die deinen Knechten angetan wird, die ich in meinem Gewand trage von all den vielen Völkern,mit der deine Feinde dich, Herr, schmähen, mit der sie schmähen die Fußstapfen deines Gesalbten!“

Über das alte Testament urteilte Luther:

„Also sehen wir auch, daß er nicht dringet, sondern freundlich locket und spricht: Selig sind die Armen u.s.w. Und die Apostel brauchen des Worts: „Ich ermahne, ich flehe, ich bitte“; daß man allenthalben siehet, wie das Evangelium nicht ein Gesetz-Buch ist, sondern eigentlich eine Predigt von den Wohlthaten Christi, uns erzeiget, und zu eigen gegeben, so wir glauben. Moses aber in seinen Büchern treibet, dringet, dräuet, schlägt und straft greulich; denn er ist ein Gesetz-Schreiber und Treiber.“

Vorrede zum Neuen Testament

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Paulus redet nirgends so verächtlich über das Gesetz, sondern schreibt

Röm 7,12-13: „So ist nun das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut. Hat nun das Gute mir den Tod gebracht? Das sei ferne! Sondern die Sünde hat, damit sie als Sünde offenbar werde, durch das Gute meinen Tod bewirkt, damit die Sünde überaus sündig würde durch das Gebot.“

Wir, bzw. die Sünde in uns, ist das Problem. Die neue Geburt und der Geist Gottes sind uns gegeben, den Rechtsforderungen des Gesetzes zu entsprechen:

Röm 8,4: damit die vom Gesetz geforderte Gerechtigkeit in uns erfüllt würde, die wir nicht gemäß dem Fleisch wandeln, sondern gemäß dem Geist.“

Es ist auch weichtig zu sehen, wie Paulus den Nutzen des AT insgesamt bewertet:

2.Tim 3,16-17: Alle Schrift [gemeint ist das AT – vgl 2.Tim 3,14!] ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet.“

Luthers Zugang zum AT erinnert an den gnostischen Häretiker Markion des 2.Jhdts, der das Alte Testament und Teile des Neuen verworfen hat. So schriebt der liberale evangelische Theologe Adolf von Harnack treffend: Zur Verwerfung des AT ist Marcion sowohl durch die Zurückweisung des Schöpfergottes als auch durch die Ablehnung des Gesetzes geführt worden; doch schon die letztere allein hätte ihn dazu bestimmt; denn Gesetzliches in der Religion erschien ihm als ihre Verkehrung, […] Marcion hat die Christenheit vom AT befreien wollen, die Kirche aber hat es beibehalten; er hat nicht verboten, das Buch in die Hand zu nehmen, ja er hat sogar anerkannt, daß in ihm Nützliches zu lesen sei; aber er sah in ihm einen anderen Geist als im Evangelium, und er wollte in der Religion von zwei Geistern nichts wissen.“

Harnack zieht seinen eigenen Schluss, der die evangelische Theologie nicht unerheblich prägt und die konsequente Weiterführung von Luthers Worten ist: „Die These, die im folgenden begründet werden soll, lautet: das AT im 2. Jahrhundert zu verwerfen, war ein Fehler, den die große Kirche mit Recht abgelehnt hat; es im 16. Jahrhundert beizubehalten, war ein Schicksal, dem sich die Reformation noch nicht zu entziehen vermochte; es aber seit dem 19. Jahrhundert als kanonische Urkunde im Protestantismus noch zu konservieren, ist die Folge einer religiösen und kirchlichen Lähmung.“

Adolf von Harnack über Marcion

Das Johannes-Evangelium hebt Luther über alle anderen:

Weil nun Johannes gar wenig Werke von Christus, aber gar viele seiner Predigten beschreibt, umgekehrt die andern drei Evangelisten aber viele seiner Werke und weniger seiner Worte beschreiben, ist das Evangelium des Johannes das einzige, schöne, rechte Hauptevangelium und den andern dreien weit, weit vorzuziehen und höher zu heben.“

Vorrede zum Neuen Testament

 

 

 

 

 

Matthäus bietet noch mehr Reden als Johannes, unter anderem die Bergpredigt.

Mat 28,20: „und lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe.“

Wie kann man alles lehren, wenn man Johannes und Paulus „weit, weit“ über die anderen Bücher hebt und etliche überhaupt schlechtredet?

Am Ende der Bergpredigt heißt es:

Mat 7,21-23: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Reich der Himmel eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut. Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt und in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und in deinem Namen viele Wundertaten vollbracht? Und dann werde ich ihnen bezeugen: Ich habe euch nie gekannt; weicht von mir, ihr Gesetzlosen!“

 

 

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