Sich Anpassen, einfügen oder identifizieren

„Als Christ zu leben, wär nicht schwer,
wenn nicht die Gemeinde wär.“

Angenommen, ein Mensch ist von Herzen gläubig und liebt den Herrn Jesus. Er meint, eine gute Beziehung zu Ihm zu haben; der Herr und Er gehen gemeinsam durch das Leben. Das klingt alles wunderbar und sehr harmonisch, denn da sind ja nur zwei unmittelbar beteiligt. Das erste Problem beginnt aber mit dem Wort Gottes, denn natürlich lernt man den Herrn Jesus über die Bibel kennen. Wenn man aber so ganz allein mit dem Herrn die Bibel liest, dann kann es zu seltsamen Phänomenen kommen: Das beständige Wiederkäuen bestimmter Lieblingspassagen zum Beispiel, oder die uns Menschen ganz allgemein kennzeichnende „selektive Wahrnehmung“, das verhaltene Ablehnen bestimmter Aussagen. Oder man zehrt maßgeblich von christlicher Literatur und Kommentaren, die man (ehrlich gesagt) nach dem eigenen Gusto wählt. All das führt dann zu einer sehr individuellen Privattheologie, die man selbst als solche meist gar nicht erkennt. Man ist ja in einer lebendigen Beziehung mit dem Herrn und möchte gar keine Theologie formulieren. Das aber ist in der Praxis unvermeidlich und passiert, wenn ein Schaf gewissermaßen sein eigener Hirte sein möchte.

Nun liest dieser Christ in der Bibel von der Notwendigkeit einer Gemeindezugehörigkeit. Wahrscheinlich hat er ja über eine solche den Herrn kennen gelernt und wurde vielleicht sogar bereits getauft. Man kann aber in einer Gemeinde so leben, wie oben beschrieben: Man pickt sich selektiv aus den Predigten heraus, was zur eigenen Privattheologie passt, und lebt ansonsten sein eigenes Christenleben mit dem „persönlichen“ Heiland.

Wie aber geht man mit all dem um, womit man nicht übereinstimmt? Hand aufs Herz, die wenigsten sprechen das direkt an oder lassen sich auf Diskussionen mit den Predigern ein. Ich meine es gibt, neben offenem Unangepasstsein, wo man riskiert, selbst angesprochen oder gar gerügt zu werden, drei Möglichkeiten, von denen eine schlecht, die zweite akzeptabel und die dritte ideal ist:

Sich anpassen

Zum Beispiel wird in der Gemeinde erwartet, dass die Frauen ihren Kopf bedecken, dass man zu bestimmten Anlässen einander die Füße wäscht, dass nur die Männer predigen und leiten, dass man es aushält, dass die Versammlung länger als üblich dauert, dass Männer den Wehrdienst zu verweigern haben, dass man ordentlich gekleidet kommt und für Frauen sogar Röcke vorgeschrieben sind … all diese äußeren Dinge, die bekenntnishaft zeigen sollen, was im Herzen zu glauben vorausgesetzt wird. Genau an diesen scheiden sich ja oft die Geister, und viele würden diesen nicht zustimmen.

Wie geht man damit um? Es fällt freilich stark auf, wenn man nicht mitmacht. Andererseits ist dies vielleicht die einzige Gemeinde am Ort, oder man ist über freundschaftliche oder verwandtschaftliche Beziehungen mit ihr verbunden. Denn sträubt sich bei dem Christen alles in ihm, diese Dinge tun zu müssen. Also passt er sich äußerlich an, um nicht unangenehm aufzufallen, bleibt aber in innerer Ablehnung – vielleicht in der Hoffnung, dass die Gemeinde sich einmal ändern würde.

Wie lange geht so etwas gut? Welchen Lohn hat man vor Gott für solch eine Haltung? Bewirkt sie Frieden oder Unfrieden im Herzen?

Sich einfügen

Der genannte Christ könnte aber auch zur Einsicht gelangen, dass seine Privattheologie nicht das non-plus-ultra sein müsse, dass es auch andere Meinungen gäbe, die ebenso legitim und möglich wären. Wer so denkt, kann den eigenen Standpunkt hintanstellen, den inneren Widerstand brechen und sich relativ harmonisch einfügen, indem er anerkennt, dass all das, wie die Gemeinde es praktiziert, ja auch zur Ehre Gottes gemeint ist. Er wird also vielleicht weiterhin meinen, es persönlich anders zu sehen, wird aber das Anliegen der Verherrlichung Gottes dahinter wert schätzen.

Das, meine ich, ist bereits eine Haltung der Liebe und des Respekts, welche Frucht und Lohn bringen kann. Zwar bleibt immer nicht der innere Vorbehalt, man wird sich vielleicht nicht so tief mit den Themen auseinandersetzen, aber es dient dem Frieden und der Gemeinschaft. Das heißt, es ist nicht nötig, mit allem innerlich übereinzustimmen, um sich in Liebe in eine Gemeinde einzufügen. Nötig ist nur die Demut, die eigene Meinung nicht absolut zu setzen und sich ein- und unterzuordnen.

Sich identifizieren

Das Ideal ist freilich die völlige Übereinstimmung und Identifikation. Diese kommt aus einer demütigen Auseinandersetzung und einer Haltung der Belehrbarkeit, indem man die Schriftstellen, auf denen all das Genannte und mehr beruhen, als Wort Gottes annimmt und zu verstehen beginnt. Hier herrscht dann völlige Übereinstimmung, und kein Mensch muss einem dann mehr sagen, dies zu tun und jenes zu lassen – es ist verinnerlicht.

Erst hier kommt zur Liebe und zum Frieden noch die Freude hinzu und das Wissen, es für den Herrn selbst und nicht bloß der Menschen wegen zu tun.

Wenn Du Dich in diesen Gedanken wiedergefunden hast, überprüfe Dich gründlich, wo Du selbst stehst, und wo der Segen zu finden ist, den Du suchst. Der Herr gebe Dir Weisheit und Liebe in allem. Amen.

 

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