Trost, Strafe oder Vergebung?

Franzi ist eigentlich zu klein, um den Teekessel vom Herd zu nehmen; aber er will seinen Früchtetee und er will ihn jetzt. Er hat schon fünf Stück Würfelzucker in seiner Tasse gestapelt und das Teesäckchen hineingehängt. Beides wartet nur mehr auf das sprudelnd heiße Wasser – einzig Franzi kann nicht warten. Die Mutter ist kurz im Badezimmer verschwunden. Wegen der Waschmaschine. Egal, das interessiert Franzi nicht. Franzi will seinen Früchtetee, und er will ihn jetzt.

Er rückt einen Stuhl zum Herd, klettert hinauf und greift nach dem Kessel. Der Holzgriff ist recht heiß, doch Franzi hält das schon aus. Aber schwer ist der volle Kessel! Mit der zweiten Hand versucht Franzi, den Kessel von unten abzustützen. Es dauert nur ein, zwei Schrecksekunden, dann schreit er laut auf und lässt den Kessel mit lautem Knall zu Boden fallen. Das sprudelnd heiße Wasser ergießt sich statt über den Würfelzuckerberg in der Tasse über seine Füße.

Das soll keine moralisierende Geschichte werden. Wir alle kennen ja ähnliche Situationen aus eigener Erfahrung. Es muss hier nicht eigens betont werden, dass die Mama ihrem Buben mehrfach erklärt hat, warum er nichts vom Herd nehmen darf.

Was ich hier als Frage stellen will: Soll die Mutter einfach nur trösten? Soll sie strafen, weil er ihr Gebot missachtet hat? Beides? Oder ist er durch den Schmerz nicht schon genug gestraft?

Was soll Gott tun, wenn wir uns durch Sünde in eine Situation bringen, die uns vor Schmerz laut aufschreien lässt? Es ist ein Dilemma für alle Beteiligten.

Einerseits heißt es: „Ich will dich trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“(Jes 66,13)

Andererseits auch: „Der Gottlose fügt sich selbst viele Schmerzen zu.“ (1.Tim 6,10; Ps 32,10)

Und wiederum: „Wer sündigt, soll sterben.“ (Hes 18,20)

Franzi weint, und zugleich weiß die Mutter: Wenn er sich nicht verbrüht hätte, hätte sein erfolgreicher Ungehorsam ihn in der Meinung bestätigt, die Mama hätte ihm nichts zu sagen. Ist es so nicht auch bei uns? Das elfte Gebot lautet doch „Du sollst dich nicht erwischen lassen!“ Damit kommen wir vor Menschen gelegentlich durch. Aber vor dem, der in das Verborgene des Herzens sieht?

Wie soll Gott uns in unserer Not begegnen? Er müsste uns eigentlich scharf ins Gewissen reden. Er müsste uns von Recht wegen strafen anstatt zu trösten, denn der einzige Grund, aus dem wir jetzt Trost suchen, ist doch der, dass unser Ungehorsam uns selbst weh getan hat.

Darum verstecken sich auch in dieser Situation noch viele Menschen vor Gott, weil sie das wissen und die Strafe zurecht fürchten. Alle drei Aussagen stimmen: Wir tun uns selbst weh, wir verdienen Strafe, aber Gott will uns auch trösten! Denn Gott liebt uns wie ein Vater sein Kind liebt.

Glauben wir, dass Seine Gebote Ausdruck Seiner Liebe sind? Weiß der Schöpfer nicht am besten, was gut für den Menschen ist, und was schädlich? Was sind wir nur für missratene Kinder! Erst, wenn wir am Ende angelangt sind, dann machen wir uns reumütig auf!

Um Trost zu suchen? Solange wir Trost suchen, haben wir nichts verstanden! Solange wir Trost suchen, haben wir noch den Geist des Ungehorsams in uns. Diese fatale Grundhaltung, dass wir unser Leben richtig begreifen und selbst bestimmen können. Wir müssen vielmehr Vergebung suchen und unsere Gesinnung ändern.

Wenn Jesus Menschen vergeben hat, dann sagte Er manchmal: „Geh, und sündige nicht mehr!“ (Joh 8,11) oder noch deutlicher: „Sündige nicht mehr, damit dir nichts Schlimmeres passiert.“ (Joh 5,14)

Jetzt haben wir uns vielleicht verbrüht, und die Zeit, sagt man, heilt ja alle Wunden. Wenn wir unsere Gesinnung nicht ändern, dann werden wir uns immer wieder Schmerzen zufügen, und am Ende wird es ein ewiger Schmerz sein.

„Gib mir einen neuen, beständigen Geist“ (Ps 51,12-14), betete ein zerknirschter Sünder, denn unsere ganze Gesinnung, ja unser ganzes Wesen beginnt sich beim Gedanken an willigen Gehorsam und Eingeständnis von Schuld aufzubäumen! Unser Fleisch begehrt gegen den Geist Gottes auf! Doch genau das will Gott uns ja geben: Einen neuen Geist, eine neue Gesinnung, die gerne im Willen Gottes, unseres Vaters, lebt. Eine neue, geistliche Geburt, die uns neu zu Kindern Gottes macht. Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden!

Und dann, dann erfahren wir nicht nur Trost, sondern überströmende und bleibende Freude in Seiner Gemeinschaft.

Jesus Christus ist derjenige, der uns mehr als oberflächlichen Trist oder harte Strafe zu bieten hat. Was Er in Mt 11,28-30 gesagt hat, ist die passende Antwort auf Deines und mein zerknirschtes Gebet, wo immer wir durch eigene Schuld in eine schmerzvolle Situation gekommen sind und Umkehr nötig haben:

Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen

Ja, die Gottlosen fügen sich selbst viele Schmerzen zu, aber hier ist kein Vorwurf zu hören, oder? Wie soll also die Mutter dem Franzi begegnen? Wie begegnet Gott uns Sündern, wenn wir schon leiden? Er lädt uns zu Sich ein.

Und ich werde euch Ruhe geben

Jesus will trösten. Nein, Er hat keine Freude am Schmerz der Gottlosen – Er selbst ist gekommen, unsere Schmerzen zu tragen! Er will Ruhe geben, er will uns verschonen und nicht verwerfen.

Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir

Eine Bedingung knüpft Er aber daran: Sein Joch. Sein Unterricht. Wir müssen bereit sein, Seine Jünger und Schüler zu werden, von Ihm zu lernen. Ein Joch wird einem Zugtier auf die Schultern gelegt. Wir müssen bereit sein, uns gewissermaßen „vor Seinen Karren spannen zu lassen.“ Jesus übernimmt das Kommando in unserem Leben.

Vielleicht rebelliert da wieder etwas in uns. Nein, ich will mein eigener Herr sein! Bist Du das? Nein, wir sind Gefangene der Triebe, der Sünde, der Begierden des Fleisches und tun selbst nicht, was wir wollen. Darum sind wir ja mühselig und beladen. Freiheit und Ruhe gibt es nur unter dem Joch Christi – d.h. in der persönlichen Beziehung mit Gott.

Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig

Sanftmut bedeutet auch, den Widerstand aufgeben, um sich Gottes Willen bereitwillig zu öffnen. Demut ist das Einnehmen der Stellung, die uns zukommt, darin aufzugehen und Erfüllung zu finden. Das ist das Gegenteil dessen, was wir unter „Selbstverwirklichung“ verstehen, wo es um das Sprengen von Grenzen, das Nichtakzeptieren von Beschränkungen geht. Nein. Wir müssen unseren Platz vor Gott finden, wozu wir geschaffen sind; wo Er uns in einzigartiger Weise kennt, begegnet und beauftragt. Das lernen wir alles von Jesus.

So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.

Bist Du bereit, Dich unter das Joch zu beugen und anzuheben? Du wirst überrascht sein! Das Joch ist sanft und die Last ist leicht. Warum das? Gott stützt uns mit einem willigen Geist. Der Weg des Glaubens ist ein Weg in der Kraft Gottes und nicht in eigener Kraft. Es ist ein Kampf, doch der wird mit geistlichen Waffen geführt und nicht mit fleischlichen. Je mehr uns das bewusst wird, desto freier und unbeschwerter werden wir in der Nachfolge gehen. Und umso unverständlicher wird es uns erscheinen, wenn wir uns vom Fleisch wieder ins alte Leben, in alte Verhaltensmuster zurückdrängen haben lassen. So unnötig! So dumm! So beschämend! Aber wir dürfen Sünde immer wieder bekennen, um dann unverdrossen in Seiner Kraft weiterzugehen, um ein besseres Leben zu führen. Ein Leben mit der Verheißung der Ewigkeit.

 

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