Verdirb dir nicht den Appetit

fasten

Nachdem ich nun bereits mehrere Jahre lang über dieses Thema nachdenke und auch erste Schritte gegangen bin, möchte ich meine Erkenntnis zum Thema Fasten zusammenfassen, um einerseits meine eigenen Schritte zu festigen (die nach wie vor eher als ein Stolpern denn ein Schreiten bezeichnet werden können), andererseits aber auch andere anzuspornen, diesen Weg zu beschreiten. In den folgenden Seiten will ich vor allem den Text aus Mt 9,14-17 betrachten. Das in diesen Versen aufgezeichnete Gespräch findet sich auch im Markus- und im Lukasevangelium, was der ganzen Thematik zusätzliches Gewicht verleiht.

Folgende Kapitelüberschriften gliedern das Thema:

  • Einfach unvorstellbar
  • Warum nicht?
  • Unser tägliches geistliches Leben
  • Das Warten auf den Bräutigam
  • Der neue Wein
  • Zwei Aspekte des christlichen Fastens
  • Wie schaut das praktisch aus?
  • Ist Fasten ein Gebot?

 

Einfach unvorstellbar

Stell Dir vor, du gehst in eine christliche Versammlung, in der nicht gesungen wird. Es gibt eine gute Predigt, es gibt Gebet, das Brot wird gebrochen … aber es wird nicht gesungen. Seltsam. Nach der Versammlung gehst du zum Prediger und fragst ihn: „Die Katholiken singen in ihren Gottesdiensten, und alle Protestanten singen ebenso. Warum singt ihr nicht in der Versammlung?“

Stell Dir weiter vor, der Prediger würde dir sogar einen Bibelvers zeigen, mit dem er diesen seltsamen Brauch, nicht zu singen, begründet: „Es steht doch geschrieben (Eph 5,19): Redet zueinander in Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern; singt und spielt dem Herrn im Herzen. Wir sollen im Herzen singen, aber zueinander reden. Ich meine der Text ist einfach und klar zu verstehen, und wir halten uns daran.“

Möglicherweise würdest du den Kopf schütteln und weitergehen, denn ein Knecht des Herrn soll ja nicht streiten.

Ein anderes Beispiel: Du unterhältst dich mit einem Bruder und fragst ihn, wie es ihm im Gebetsleben gehe. Seine Antwort haut dich fast um: „Ich bete überhaupt nicht!“ „Wie, bitte? Die Katholiken beten und alle Protestanten sagen, dass Gebet wichtig ist. Warum betest du nicht?“

Es mag dich überraschen zu hören, dass auch dein Freund um eine biblische Antwort nicht verlegen ist: „Es steht doch geschrieben (Mt 6,8), der Vater weiß, was wir benötigen, ehe wir ihn bitten! Wäre es nicht unhöflich oder gar Unglaube, wenn ich Ihn an meine Anliegen erinnern würde?

Das ist nun wirklich extrem außergewöhnlich! Du schüttelst den Kopf und gehst nach Hause, um darüber nachzudenken, wie man der einen Kirche den Wert des Singens und dem Bruder die Notwendigkeit des Betens begreiflich machen könnte.

Der Bibeltext für das Thema und diesen Aufsatz beginnt mit einer vergleichbaren Verwunderung:

(Matthäus 9,14) Dann kommen die Jünger des Johannes zu Jesus und sagen: Warum fasten wir und die Pharisäer oft, deine Jünger aber fasten nicht?

Die Pharisäer und die Jünger des Johannes fasten regelmäßig, die Jünger Jesu fielen dadurch auf, dass sie nicht fasteten. Das ist schon merkwürdig. Es sind keine ungeistlichen Männer, die dem Herrn diese Frage stellen, es waren Jünger des Täufers, so wie auch die Apostel Andreas und (wahrscheinlich) Johannes Jünger des Täufers gewesen waren, ehe sie dem Lamm Gottes nachfolgten (Joh 1,40).

Dass die Jünger Jesu nicht fasteten, war für die Fragenden ebenso ungewöhnlich wie es für uns höchst seltsam wäre, wenn in einer christlichen Versammlung nicht gesungen würde oder ein Christ nicht betete. Man sollte etwas anderes erwarten.

 

Warum nicht?

Bevor ich uns die Antwort des Herrn nahe bringen möchte, will ich gängige Antworten wiedergeben, die man heute gibt, um das – nach wie vor gegebene – Phänomen zu erklären, warum (die meisten, vor allem protestantischen) Christen nicht fasten.

(Hebräer 9,9-10) welches ein Gleichnis auf die gegenwärtige Zeit ist, nach welchem sowohl Gaben als auch Schlachtopfer dargebracht werden, die dem Gewissen nach den nicht vollkommen machen können, der den Gottesdienst übt, welcher allein in Speisen und Getränken und verschiedenen Waschungen besteht, in Satzungen des Fleisches, auferlegt bis auf die Zeit der Zurechtbringung.

(Hebräer 13,9) Lasst euch nicht fortreißen durch mancherlei und fremde Lehren; denn es ist gut, dass das Herz durch Gnade befestigt werde, nicht durch Speisen, von welchen keinen Nutzen hatten, die darin wandelten.

Diese Verse machen recht deutlich, dass Satzungen des Fleisches uns nicht vollkommen machen können; das Herz muss durch Gnade gefestigt werden. Auch wenn selten explizit diese Herleitung gemacht wird, so entspricht die häufige gehörte Erklärung „Das ist ja nur etwas Äußerliches“ recht gut diesem durchaus biblischen Prinzip. An anderer Stelle heißt es, dass nichts, was in den Mund hineingeht, den Menschen verunreinigen könne, die Ursache der Unreinheit sei das Herz (Mk 7,15).

Diese Verse sind wahr und richtig. Sie sind ebenso inspiriert und gültig, wie Eph 5,19, wo es heißt, wir sollen im Herzen singen, oder Mt 6,8, wo steht, der Vater weiß alles, ehe wir Ihn bitten. Das sind ganz wichtige Aussagen der Schrift. Aber sie enthalten, wie wir wissen, eben nicht die ganze Wahrheit zum Thema Singen und Beten.

Ein anderer Grund, warum Christen nicht fasten, kommt sogar aus dem Alten Testament:

(Jesaja 58,3-8) „Warum haben wir gefastet, und du hast es nicht gesehen, unsere Seelen kasteit, und du hast es nicht gemerkt?“ Siehe, am Tage eures Fastens geht ihr euren Geschäften nach und dränget alle eure Arbeiter. Siehe, zu Hader und Zank fastet ihr, und um zu schlagen mit boshafter Faust. Heutzutage fastet ihr nicht, um eure Stimme hören zu lassen in der Höhe. Ist dergleichen ein Fasten, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an welchem der Mensch seine Seele kasteit? Seinen Kopf zu beugen wie ein Schilf, und Sacktuch und Asche unter sich zu betten, nennst du das ein Fasten und einen dem Jahwe wohlgefälligen Tag? Ist nicht dieses ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: dass man löse die Schlingen der Bosheit, dass man losmache die Knoten des Joches und gewalttätig Behandelte als Freie entlasse, und dass ihr jedes Joch zersprenget? Besteht es nicht darin, dein Brot dem Hungrigen zu brechen, und dass du verfolgte Elende ins Haus führst? Wenn du einen Nackten siehst, dass du ihn bedeckst und deinem Fleische dich nicht entziehst? Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird eilends sprossen; und deine Gerechtigkeit wird vor dir herziehen, die Herrlichkeit Jahwes wird deine Nachhut sein.

Auch das ist ein wichtiger Text, den wir nicht außer Acht lassen dürfen. Man könnte ein wenig rückfragen, ob unser „Nicht-Fasten“ tatsächlich von „wohlgefälligen Fasten“ ersetzt worden ist. Ist die Armenhilfe ein wesentliches Element in unserem Glaubensleben? Oder gibt es da nicht auch den einen oder anderen Vers, der uns davon (scheinbar) entbindet? Doch davon abgesehen, es ist in jedem Fall einfacher mit einem sauren Gesicht sich selbst zu kasteien, als den Armen zu dienen. Das erstere hat sogar eine heroisch-asketische Note, die andere Menschen beeindrucken kann. So ein Fasten braucht Gott wirklich nicht. Das bestätigt auch der Herr Jesus:

(Matthäus 6,16-18) Wenn ihr aber fastet, so sehet nicht düster aus wie die Heuchler; denn sie verstellen ihre Angesichter, damit sie den Menschen als Fastende erscheinen. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin. Du aber, wenn du fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Angesicht, damit du nicht den Menschen als ein Fastender erscheinest, sondern deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten.

Worauf es auch dem Herrn in erster Linie ankommt, wenn Er als Richter wiederkommt, liegt vollkommen auf der Linie von Jes 58:

(Matthäus 25,34-36) Dann wird der König zu denen zu seiner Rechten sagen: Kommet her, Gesegnete meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an; denn mich hungerte, und ihr gabet mir zu essen; mich dürstete, und ihr tränktet mich; ich war Fremdling, und ihr nahmet mich auf; nackt, und ihr bekleidetet mich; ich war krank, und ihr besuchtet mich; ich war im Gefängnis, und ihr kamet zu mir.

Man kann also auf all diese Verse verweisen, um zu erklären, warum Christen heute kaum fasten. Es ist angesichts des Gerichts für uns sogar sehr wichtig, uns vor Augen zu halten, worauf es dem Herrn wirklich ankommt.

 

Unser tägliches geistliches Leben

Interessanterweise gibt Er aber in der Bergpredigt eben auch diese Anweisung zum Fasten. Wir sollen dabei nicht sauer dreinschauen, sondern es äußerlich unauffällig vor Gott tun. Gott wird es belohnen. Er nennt das Fasten gemeinsam mit dem Beten und den Almosen, gewissermaßen als drei Aspekte unseres täglichen geistlichen Lebens. Er beginnt diesen Abschnitt mit einer Zusammenfassung:

(Matthäus 6,1 – Elberfelder CSV 2009) Habt aber Acht, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht vor den Menschen übt, um euch vor ihnen sehen zu lassen, sonst habt ihr keinen Lohn bei eurem Vater, der in den Himmeln ist.

Unsere Gerechtigkeit ist eine Sache zwischen Gott und uns, dementsprechend sollen wir damit eher im Verborgenen umgehen. Unsere Almosen sollen wir so geben, dass die Linke nicht weiß, was die Rechte tut. Unser Gebet sollen wir im stillen Kämmerlein sprechen. Wenn wir fasten, sollen wir dennoch gepflegt und wohlgemut sein, damit es den Menschen um uns nicht auffällt, wenn wir fasten.

Sollen Christen beten? Ich denke, darin sind wir uns sehr einig, auch wenn manche unter uns vielleicht Probleme mit einer gewissen Regelmäßigkeit haben. Christen sollen aber beten, und Gott möchte unser Beten auch belohnen.

Sollen Christen den Armen helfen? Wir haben weiter oben gesehen, dass es genau das ist, worauf es dem Herrn im Gericht ankommt. Wahrscheinlich sollte das bei den meisten von uns noch viel stärker ins Bewusstsein rücken: Christen sollen Armen gegenüber freigiebig sein, und Gott möchte unser Geben auch belohnen.

Sollen Christen fasten? Jetzt sind wir wieder beim Thema. Wir haben zwei Gründe betrachtet, die oft genannt werden, es nicht zu tun. In der Bergpredigt geht der Herr jedoch davon aus, dass Fasten ganz selbstverständlich zum geistlichen Leben gehört, wie auch das Beten und Geben von Almosen.

 

Das Warten auf den Bräutigam

Wir können also die Verwunderung der Jünger des Johannes jetzt etwas besser verstehen, als sie den Herrn darauf ansprachen, warum Seine Jünger nicht fasteten.

(Matthäus 9,14-15) Dann kommen die Jünger des Johannes zu ihm und sagen: Warum fasten wir und die Pharisäer oft, deine Jünger aber fasten nicht? Und Jesus sprach zu ihnen: Können etwa die Gefährten des Bräutigams trauern, so lange der Bräutigam bei ihnen ist? Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen weggenommen sein wird, und dann werden sie fasten.

Die Antwort des Herrn weist auf eine Zeit hin, in der Seine Jünger fasten werden; nämlich dann, wenn der Bräutigam von ihnen genommen sein wird. Jetzt aber, das heißt in der Zeit, in der Er auf Erden war, war der Bräutigam mitten unter den Jüngern; jetzt war keine Fastenzeit sondern eine Festzeit!

Fasten, das sahen wir im Zitat aus Jes 58, war kein Ausdruck von Freude sondern der Selbstkasteiung, der Demütigung vor Gott, der Buße, ein Zeichen der Reue und auch der Trauer. Man zerriss manchmal sogar die Kleider, zog ein Sacktuch an und streute sich Asche aufs Haupt. Fasten war an bestimmten Feiertagen im Festkalender für das ganze Volk sogar vorgeschrieben.

Fromme Israeliten fasteten oft. Die Jünger des Johannes ebenso wie die Pharisäer:

(Lukas 18,11-12) Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst also: O Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die übrigen der Menschen, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche, ich verzehnte alles, was ich erwerbe.

Das zweimal wöchentliche Fasten war damals die Norm für einen frommen Menschen; das steht also hinter der Aussage: „Wir fasten oft, aber deine Jünger gar nicht.“ Dass solch eine Frömmigkeit dazu verleitet, sich – wie der zitierte Pharisäer – mit anderen zu vergleichen, und auf diese herabzublicken (bzw. auch von diesen als besonders fromm bewundert zu werden), können wir gut nachvollziehen, denn die Regungen unseres Fleisches sind nicht wesentlich anders als die der Pharisäer.

Fasten war also etwas, das man auf sich nahm, um aufrichtige Buße und ernsthafte Gottesfurcht auszudrücken. Fasten hatte einen bitteren und traurigen Geschmack.

Der Herr Jesus antwortete den Fragenden, dass Seine Gegenwart das Fasten aufhebe, weil Er die verheißene Freude ist. Er ist der Bräutigam, in Ihm ist das Reich Gottes sichtbar gegenwärtig. Die Lahmen gehen, die Blinden sehen, Tote werden auferweckt! Das ist keine Fastenzeit, sondern eine Festzeit!

Doch dann kommt das Aber: Wenn er nicht mehr auf Erden ist, dann werden die Jünger fasten. Was nun? Ist Jesus da? Sichtbar gegenwärtig? Gehört es zu unseren alltäglichen Erfahrungen, dass Blinde sehend werden, Lahme auf einmal aufspringen und gehen, oder Tote auferweckt werden? Nein, wir warten darauf, dass der Herr Jesus in Macht und Herrlichkeit wiederkommen wird, um alles neu zu machen. Jetzt ist demnach keine Festzeit, sondern eine Fastenzeit!

 

Der neue Wein

Nun sagt der Herr aber noch etwas, damit wir nicht einen falschen Schluss daraus ziehen:

(Matthäus 9,16-17) Niemand aber setzt einen Flicken von neuem Tuch auf ein altes Kleid; denn das Eingesetzte reißt von dem Kleide ab, und der Riss wird ärger. Auch tut man nicht neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißen die Schläuche, und der Wein wird verschüttet, und die Schläuche verderben; sondern man tut neuen Wein in neue Schläuche, und beide werden zusammen erhalten.

Das Fasten im Neuen Bund hat einen anderen Charakter als im Alten Bund. Wenn der Herr Jesus hier davon spricht, einen Flicken von einem neuen Stoff auf ein altes Kleid zu setzen, oder davon, neuen Wein in alte Schläuche zu füllen, dann spricht er vom neuen Leben, das nicht mehr zu den Formen des Alten Bundes passt.

Ein neuer Stoff geht beim Waschen und Trocknen stärker ein als der alte Stoff, deshalb macht ein Stoffflicken aus neuem Stoff auf dem alten Kleid mehr kaputt als gut. Der neue Wein (Most) beginnt zu gären (Sturm) und würde einen alten Weinschlauch, der nicht mehr so dehnbar ist, unweigerlich zerreißen. Die Bilder sind sehr anschaulich. Was hat das aber mit dem Fasten zu tun?

Das Fasten, von dem Jesus spricht, hat mit dem Erwarten des Bräutigams zu tun. Es ist kein Fasten der Trauer, der Demütigung oder der Reue, sondern ein Fasten der Vorfreude auf die Hochzeit! Es ist etwas gänzlich Neues, es geht um ein neues Kleid, ein Hochzeitskleid; und es geht um den Wein der Freude. Es geht um den neuen Bund.

 

Zwei Aspekte des christlichen Fastens

Aus der Antwort des Herrn an die Jünger des Johannes geht schon hervor, dass die Jünger Christi auch im herkömmlichen Sinne fasten würden, allerdings mit einer anderen Ausrichtung. Das Fasten hat einen neuen Sinn bekommen durch die Offenbarung des Bräutigams. Darum ist es kein Fasten der Trauer mehr, was sich auch äußerlich dadurch ausdrückt, dass Christen eben nicht mehr traurig dreinschauen sollen dabei:

(Matthäus 6,16-17) Wenn ihr aber fastet, so sehet nicht düster aus wie die Heuchler; denn sie verstellen ihre Angesichter, damit sie den Menschen als Fastende erscheinen. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin. Du aber, wenn du fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Angesicht.

Der Ausblick auf das Kommen des Bräutigams beinhaltet nun aber zwei sehr wesentliche Aspekte: Erstens, am Hochzeitsmahl des Lammes nehmen nur solche teil, die im Gericht zu den Schafen gezählt werden. Das sind jene, die im Sinne von Jes 58 gefastet und den Armen gedient haben.

(Matthäus 25,34-36) Dann wird der König zu denen zu seiner Rechten sagen: Kommet her, Gesegnete meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an; denn mich hungerte, und ihr gabet mir zu essen; mich dürstete, und ihr tränktet mich; ich war Fremdling, und ihr nahmet mich auf; nackt, und ihr bekleidetet mich; ich war krank, und ihr besuchtet mich; ich war im Gefängnis, und ihr kamet zu mir.

Unser buchstäbliches Fasten kann und soll uns an den Hunger der Bedürftigen erinnern, und mitfühlend und barmherzig machen. Ich denke, dass es gerade in unserer wohlstandssatten Gesellschaft sehr wichtig ist, sich das deutlich bewusst zu machen.

Der zweite Aspekt ist die Selbstdisziplin, und auch das ist in der ebengenannten Sattheit unserer Zeit sehr wesentlich:

(Galater 5,22-24) Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit; wider solche gibt es kein Gesetz. Die aber des Christus sind, haben das Fleisch gekreuzigt samt den Leidenschaften und Lüsten.

Wenn wir uns das Hochzeitsmahl vor Augen halten, hilft uns vielleicht ein Vergleich, die Notwendigkeit der Enthaltsamkeit zu verstehen:

Auf dem Weg von Arbeit nach Hause bin ich oft an einem Würstelstand vorbeigekommen. In der Regel verspürte ich ein Gefühl der Leere, wenn ich am späten Nachmittag aus dem Joch des Pharao entlassen wurde; vor mir lag nun eine lange Wüstenreise von der Firma bis zur Wohnung. Und da stand der Würstelstand, nur wenige Schritte nach dem Firmentor. Nicht selten bin dort stehen geblieben, um mich für die bevorstehende Reise zu stärken. In der Kraft dieser Speise, meistens eine deftige Käsekrainer, schaffte ich dann die knappe halbe Stunde bis nach Hause, wo … meine Frau bereits das Nachtmahl gekocht und auf den Tisch gestellt hatte. Meine Frau kocht gut, und ich esse gerne; aber an solchen Tagen war das heimische Nachtmahl oft mehr Pflicht als Freude.

In derselben Weise sollen wir uns auf das Hochzeitsmahl des Herrn freuen und uns nicht hier in der Welt den Appetit verderben. Die Enthaltsamkeit ist eine Frucht des Geistes. Man kann von allen Früchten des Geistes sagen, dass sie einiger Übung bedürfen. Liebe passiert nicht einfach so, sie muss getan werden. Sanftmut und Freundlichkeit, ebenso wie Treue lernt man eigentlich erst durch die Anwendung in schwierigen Umständen. Der Friede Gottes ist ein Ergebnis des aktiven Vertrauens. Freude wird als Frucht des Geistes erst dann erkennbar, wenn man sich auch im Leid trotz allem zur Freude entscheidet. Enthaltsamkeit ist ohne Übung und Selbstdisziplin kaum denkbar; darum heißt es vom Geist Gottes auch:

(2.Timotheus 1,7) Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furchtsamkeit gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (oder Zucht).

Wie können wir uns wirklich auf das Hochzeitsmahl freuen, wenn wir uns heute bei den Würstelständen der Welt den Bauch voll schlagen? Wie können wir den Himmel erstrebenswert finden, wenn wir uns gleichzeitig die Vergnügungen der Welt ungefiltert gönnen, den Begierden unseres Fleisches und der alten Natur bereitwillig nachgeben? Das schlägt sich. Das passt nicht zusammen.

Es gibt zwei Aspekte beim christlichen Fasten:

  • Wir sollen der Armen gedenken
  • Wir sollen uns der Lüste der Welt enthalten lernen

Das Fasten ist somit ein Fasten der Vorfreude. Wenn wir wirklich in das Reich Gottes gelangen wollen, dann werden wir im Leben diese beiden Prioritäten setzen, denn wer den Armen nicht hilft, der wird nicht angenommen; und wer nach den Begierden dieser Welt und des Fleisches lebt, ebenso wenig:

(1. Johannes 2,15-17) Liebet nicht die Welt, noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt liebt, so ist die Liebe des Vaters nicht in ihm; denn alles, was in der Welt ist, die Lust des Fleisches und die Lust der Augen und der Hochmut des Lebens, ist nicht von dem Vater, sondern ist von der Welt. Und die Welt vergeht und ihre Lust; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit.

 

Wie schaut das praktisch aus?

Mir geht es in diesem Aufsatz nicht um alle Arten und Anlässe des Fastens, sondern um ein Fasten, das Bestandteil unseres allgemeinen geistlichen Lebens ist. Es gibt sonst noch andere Fasten, etwa um ernsthaft Gottes Willen vor wichtigen Entscheidungen zu suchen (wie vor der Einsetzung von Ältesten), oder eine längere Fastenzeit als Vorbereitung auf den Dienst, wie der Herr es selbst hielt. Die Frage der Johannesjünger bezog sich aber auf das regelmäßige Fasten als Bestandteil des geistlichen Lebens. Wie schaut das aus?

Am Beispiel der Pharisäer haben wir gesehen, dass diese zweimal wöchentlich einen Fasttag hatten; aus anderen Quellen wissen wir, dass diese normalerweise montags und donnerstags waren. Das ist die unausgesprochene Erwartungshaltung hinter ihrer Frage gewesen. Sollen wir öfter oder weniger oft fasten als die Pharisäer? Das beantwortet uns die Bibel nicht direkt; der Herr sagt bloß, unsere Gerechtigkeit müsse die der Schriftgelehrten und Pharisäer bei weitem übertreffen (Mt 5,20). Was das Fasten betrifft, macht Er deutlich, dass unser Fasten nicht wie bei den Heuchlern dazu dienen soll, die Menschen zu beeindrucken. Er sagt aber nichts über die Häufigkeit des Fastens oder die Art und Weise; das heißt, dass das Fasten in der grundsätzlichen Ausführung gleich war, wie bei den Pharisäern: An zwei Tagen in der Woche wurde auf das Essen verzichtet

Das finden wir auch in der frühen Kirche durchgehend bestätigt. Vom ersten Jahrhundert an wird überall, wo das Thema Fasten angesprochen wird, bestätigt, dass auch die Christen zwei Fasttage in der Woche hatten, nämlich – in Abgrenzung von den Heuchlern – Mittwoch und Freitag. Dieser Wechsel der Tage unterstrich für sie, dass unsere Gesinnung sich von der der Heuchler unterscheiden muss.

Das Fasten bedeutete normalerweise den Verzicht auf Frühstück und Mittagessen; erst ab der dritten traditionellen Gebetszeit zur neunten Stunde wurde das Fasten gebrochen. Bis dahin aß und trank man entweder gar nichts oder nur Wasser und trockenes Brot.

Viele machten es sich außerdem zur Gewohnheit, das Geld, das man an diesen Tagen nicht für Essen ausgegeben hatte, den Armen zu spenden; so verbanden sie Jes 58 mit dem regelmäßigen Fasten ganz praktisch.

In der römischen Kirche gelten die beiden Fasttage übrigens theoretisch bis heute, auch wenn meistens nur mehr der Freitag als Fischtag in Erinnerung ist. Weil es so viele Missbräuche beim Fasten gab, und die Menschen wieder glaubten, sich damit etwas vor Gott verdienen zu können, wurde das Fasten von den Reformatoren praktisch durchgängig abgeschafft. Darum kommt es in Gemeinden aus protestantischer Tradition kaum vor.

 

Ist Fasten ein Gebot?

Eingangs sahen wir die große Verwunderung seitens der Johannesjünger darüber, dass die Jünger Christi nicht fasteten. Der Herr sagte daraufhin, dass sie später fasten würden, wenn Er nicht mehr unter ihnen sein würde. Ich meine, dass den allwissenden Herrn gar nichts wirklich überraschen kann, aber menschlich gesprochen müsste Er sich auch stark verwundern: „Wartet niemand mehr auf mich?“

Natürlich warten wir auf den Herrn, aber das Fasten als Ausdruck dieses Wartens ist uns verloren gegangen. Ich würde auch behaupten, dass die beiden Aspekte des Fastens – die Sorge um die Armen und die Absonderung von der Welt – auch stärker ausgeprägt sein könnten. Ich denke, es fehlt uns Einiges.

Ist Fasten also ein Gebot? Ich glaube, das ist die falsche Frage. Ist Almosen Geben ein Gebot? Wie steht es um unser Herz, wenn wir dazu extra ein Gebot bräuchten? Dienen wir den Armen aus Liebe oder weil es ein Gebot sagt? Ist Beten ein Gebot? Wieder: Brauchen wir erst ein Gebot, damit wir Gott lieben und mit Ihm reden?

Wer beim Fasten danach fragt, ob es ein Gebot ist, der geht es von der falschen Seite an. Freust du dich auf das Kommen des Bräutigams? Dann lerne, von der Welt abgesondert zu leben und auf die Armen zu achten. Es ist eine Frage der Liebe und nicht der Gebote. Dass der Herr es erwartet, dass wir fasten, um unsere Herzenshaltung bewusster und inniger auf Sein Kommen auszurichten, ist eine eindeutige biblische Lehre.

Dass es zugleich nicht nur um das äußere Fasten geht, dass dieses alleine unzureichend ist, ist eine ebenso klare biblische Lehre.

Wenn aber beides eine biblische Lehre ist, dann bedeutet das, dass wir das Innere nicht ohne weiteres vom Äußeren trennen sollten, wenn der Herr selbst beides für wichtig erachtet. Das wäre unklug. Es ist auch zu bedenken, dass wir vor und für Gott fasten, denn Er will es auch belohnen. Fasten ist ein Gottesdienst, in der richtigen Haltung ein reiner und unbefleckter Gottesdienst:

(Jakobus 1,27) Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott und dem Vater ist dieser: Waisen und Witwen in ihrer Drangsal besuchen, sich selbst von der Welt unbefleckt erhalten.

Ich möchte die Gedanken mit einem Vers aus einem völlig anderen Zusammenhang abschließen. Als der Herr Jesus den Jüngern die Füße gewaschen und ihnen den Auftrag gegeben hatte, dies auch untereinander zu tun, sagte Er ihnen nach ein paar Erklärungen einen einfachen Satz, der jedes Bibelstudium in treffender Weise abschließen kann:

(Johannes 13,17) Wenn ihr dies wisset, glückselig seid ihr, wenn ihr es tut.

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