Wie verbindlich ist Gottes Wort?

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„Jefferson-Bible“: Thomas Jefferson entfernte aus seiner Bibel, was er nicht glauben konnte wollte.

Dieser Aufsatz soll kurz und prägnant bleiben. Er wird eine gewisse Schärfe aufweisen, die uns unbequem sein wird. Ich richte mich mit diesen Zeilen gegen ein unverbindlich-individualistisches Verständnis von Jüngerschaft. Ich spreche mich für eine einheitliche Praxis des Glaubens in der Ortsgemeinde aus, und darüber hinaus in der gesamten Christenheit.

„Lehrt sie alles bewahren/halten“

(Mt 28,18-20) Und Jesus trat herzu und redete mit ihnen und sprach: Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden. Gehet [nun] hin und machet alle Nationen zu Jüngern, und taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehret sie, alles zu bewahren, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters.

Jesus spricht davon, die absolute Autorität im Himmel und auf Erden zu sein. Darauf gründet sich der Missionsbefehl. Weil Er der Herr aller Herren und König alle Könige ist, gebietet (!) Er den Menschen an allen Orten, von ihren eigenwilligen Wegen umzukehren (Apg 17,30), und ihre Knie vor im Namen Jesus Christi zu beugen (Phil 2,10+11).

Die Taufe auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes ist zugleich eine Taufe in den Tod Christi, ein Mitsterben mit Christus, um ein Neues Leben zu gewinnen. Dieses Leben ist davon gekennzeichnet, ein Sklave der Gerechtigkeit zu sein (Röm 6,1-17). Dabei ist wichtig, dass die Umkehr freiwillig, von Herzen, erfolgt:

(Röm 6,17) Gott aber sei Dank, dass ihr Sklaven der Sünde wart, aber von Herzen gehorsam geworden seid dem Bilde der Lehre, welchem ihr übergeben worden seid!

Die Umkehr ist freiwillig, aber dann? Haben Sklaven einen freien Willen? Wir alle gingen vormals in die Irre wie Schafe, sind aber umgekehrt zum Hirten und Aufseher der Schafe (1.Petr 2,25) – unser Eigenwille brachte uns Verderben, nun aber stehen wir unter Aufsicht und werden geführt.

Wenn Jesus also sagt, wir sollen lernen, alles zu bewahren (= zu tun), was Er uns geboten hat, so beinhaltet das drei wesentliche Aspekte:

  1. Alles ist alles – wir können keine Auswahl treffen. Was Jesus geboten hat, gilt absolut. Warum? Er hat alle Macht im Himmel und auf Erden.
  2. Lernen bedeutet lernen – wir werden darin angeleitet, den Willen des Herrn zu kennen, zu verstehen und zu tun. Das ist ein Wachstumsprozess – unsere Erkenntnis des Willens des Herrn ist oft unvollständig.
  3. Wir lernen dies nicht vom Herrn persönlich, der jetzt zur Rechten Gottes sitzt, sondern durch die Apostel – das sind heute die Schriften des Neuen Testaments. Die Apostel reden nicht in eigener Vollmacht, sondern wer die Apostel hört, der hört den Herrn Jesus selbst (Lk 10,16; Eph 2,20).
  4. Nach den Aposteln sollen die Lehrer der Gemeinde dasselbe von Generation zu Generation lehren (2.Tim 2,2); die Gemeinde soll diesen Lehrern/Führern gehorchen und folgen (Vorbild-Funktion) (Heb 13,7-8+17). Die Lehrer werden vom Herrn verantwortlich gemacht (Jak 3,1).

Klare Gebote

Jesus spricht von Geboten, das ist ein starker und unzweideutiger Ausdruck Seines Willens. Er wird uns auch nach unserem Gehorsam oder Ungehorsam beurteilen (vgl. Mt 21,28-32). Diese Gebote finden wir in den Evangelien und in den Schriften der Apostel. Die Bergpredigt schließt etwa mit den folgenden Worten ab:

(Mt 7,21-29) Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Reich der Himmel eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist. Viele werden an jenem Tage zu mir sagen: Herr, Herr! Haben wir nicht durch deinen Namen geweissagt, und durch deinen Namen Dämonen ausgetrieben, und durch deinen Namen viele Wunderwerke getan? Und dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch niemals gekannt; weichet von mir, ihr Übeltäter! Jeder nun, der irgend diese meine Worte hört und sie tut, den werde ich einem klugen Manne vergleichen, der sein Haus auf den Felsen baute; und der Platzregen fiel hernieder, und die Ströme kamen, und die Winde wehten und stürmten wider jenes Haus; und es fiel nicht, denn es war auf den Felsen gegründet. Und jeder, der diese meine Worte hört und sie nicht tut, der wird einem törichten Manne verglichen werden, der sein Haus auf den Sand baute; und der Platzregen fiel hernieder, und die Ströme kamen, und die Winde wehten und stießen an jenes Haus; und es fiel, und sein Fall war groß. Und es geschah, als Jesus diese Worte vollendet hatte, da erstaunten die Volksmengen sehr über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Gewalt hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten.

Am Schluss steht wieder der Hinweis auf die Vollmacht (Gewalt) des Herrn Jesus. Liest man die Bergpredigt, so ist klar, dass hier kein Spielraum gestattet ist. Ob es um die Feindesliebe geht oder um die Treue in der Ehe, ob es um ein ungeheucheltes Glaubensleben geht oder darum, niemanden zu richten. Der Herr Jesus drückt Seinen Willen mit präzisen Worten und eindrücklichen Beispielen aus. Dasselbe gilt für all Seine Gebote.

Manchmal hört man, dass einige Gebote nur für bestimmte Personen gegolten haben. So sagte Er zum reichen jungen Mann, er solle seinen Besitz verkaufen und den Erlös den Armen geben. Es stimmt, dass dies ein persönliches Gespräch war. Dann aber heißt es:

(Mk 10,23) Und Jesus blickte umher und spricht zu seinen Jüngern: Wie schwerlich werden die, welche Güter haben, in das Reich Gottes eingehen!

Hier geht Er von einem persönlichen Gespräch zu einer allgemeinen Feststellung über, bei der Er obendrein umherblickt und alle ansieht. Darüber hinaus spricht Er dieses Thema an anderer Stelle wieder an, diesmal bezogen auf die Jünger:

(Lk 12,33) Verkauft eure Habe und gebt Almosen; macht euch Säckel, die nicht veralten, einen Schatz, unvergänglich, in den Himmeln, wo kein Dieb sich naht und keine Motte verderbt.

Dieses Gebot richtet sich an alle. Wer sind wir, dass wir in diesem Punkt Ausreden suchen, um unseren Wohlstand zu rechtfertigen? Ein anderes Gebot, dem oft widersprochen wird, steht in den Briefen. Paulus schreibt:

(1.Kor 14,33-37) Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens, wie in allen Versammlungen der Heiligen. [Eure] Frauen sollen schweigen in den Versammlungen, denn es ist ihnen nicht erlaubt zu reden, sondern unterwürfig zu sein, wie auch das Gesetz sagt. Wenn sie aber etwas lernen wollen, so sollen sie daheim ihre eigenen Männer fragen; denn es ist schändlich für eine Frau, in der Versammlung zu reden. Oder ist das Wort Gottes von euch ausgegangen? Oder ist es zu euch allein gelangt? Wenn jemand sich dünkt, ein Prophet zu sein oder geistlich, so erkenne er, was ich euch schreibe, dass es ein Gebot des Herrn ist.

Paulus schreibt nicht in eigener Vollmacht, das macht er hier ganz deutlich. In keinem anderen Brief muss er so oft darauf hinweisen, dass er diese und jene Lehre vom Herrn empfangen habe, dass sie ein verbindliches Gebot sei, wie in diesem Brief an eine sprichwörtlich fleischliche Gemeinde. Wenn wir hier widersprechen und Einwände vorbringen oder gar „streitsüchtig“ werden (1.Kor 11,16), dann begeben wir uns auf das Niveau der meistgerügten Gemeinde des Neuen Testaments (abgesehen von den Sendschreiben der Offenbarung).

Entscheidend in diesem Text ist das „in allen Versammlungen der Heiligen“. Dieselben Gebote, dieselben Ordnungen gelten in allen Gemeinden. Wir haben kein Recht, auch nur irgendetwas anders zu machen als es die Apostel allen Gemeinden überliefert haben. Es geht darin um die Gebote dessen, der alle Macht hat im Himmel und auf Erden.

Verbindliche Beispiele

(2.Thess 2,13-15) Wir aber sind schuldig, Gott allezeit für euch zu danken, vom Herrn geliebte Brüder, dass Gott euch von Anfang erwählt hat zur Seligkeit in Heiligung des Geistes und im Glauben an die Wahrheit, wozu er euch berufen hat durch unser Evangelium, zur Erlangung der Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus. Also nun, Brüder, steht fest und haltet die Überlieferungen, die ihr gelehrt worden seid, sei es durch Wort oder durch unseren Brief.

Die Apostel haben größtenteils mündlich gelehrt, darum ist das lebendige Zeugnis der Gemeinden, die sie gegründet haben, von großer Bedeutung. In der Apostelgeschichte sehen wir Ausschnitte aus dem Gemeindeleben, die als Beschreibung der mündlichen Lehre der Apostel dieselbe Verbindlichkeit haben wie die geschriebenen Briefe.

Darin sehen wir das wöchentliche Brotbrechen (Apg 20,7) und dass dieses mit einer vollständigen Mahlzeit zusammen gefeiert wurde (Apg 2,46). Beides wird in vielen Gemeinden nicht mehr so praktiziert. Die Kopfbedeckung der Frau in der Versammlung (1.Kor 11,2-16) ist ebenso eine verbindliche apostolische Überlieferung wie die Botschaft von der Auferstehung (1.Kor 15,3-11) oder die die Anordnungen zum Mahl des Herrn (1.Kor 11, 17-34). Es gibt natürlich wichtigere Dinge und geringere, doch das eine sollen wir tun und das andere nicht lassen (Mt 23,23). Wir sollen gerade in den kleinen Dingen, die ohne viele Worte und Aufwand umgesetzt werden können, treu sein, damit uns die größeren anvertraut werden (Lk 16,10). Mit den großen Dingen wird man nie ans Ende kommen, die kleinen jedoch (meistens Fragen der Ordnung in der Gemeinde), werden ein für allemal erkannt und umgesetzt. Sie bedürfen weiterhin nicht mehr viel Aufmerksamkeit, prägen aber durch ihre konsequente Umsetzung eine Haltung des konsequenten Gehorsams.

Nichts in den Briefen, das mit dem Ziel geschrieben wurde, befolgt zu werden; und nichts in den beschriebenen Beispielen, die mit dem Ziel überliefert wurden, nachgeahmt zu werden, ist eine Sache eigener Entscheidung. Wir können uns nicht aussuchen, was wir davon tun und was wir lassen. Das Ziel ist eine einheitliche Praxis gemäß allem, was Herr entweder selbst oder durch die Apostel, entweder schriftlich oder mündlich, entweder durch Gebot oder Beispiel gelehrt hat.

Einheit oder Spaltung?

Das Einfordern von Gehorsam in scheinbar nicht „heilsnotwendigen“ Dingen führte oft zu Spaltungen. Die Frage, die sich mir dabei stellt, lautet: „Wer sind die eigentlichen Spalter?“ Die, die die Einheit der Gemeinde wahren, indem sie den Gehorsam freistellen (sie lehren zwar, aber fordern es nicht ein)? Jene, die die Einheit waren, indem sie geschlossen ein Wort des Herrn verwerfen? Oder jene, die durch Restauration einer Praxis manche vor den Kopf stoßen, die sich in der Folge von der Gemeinde trennen?

Ich meine, dass Spaltung nie eine Folge von Gehorsam sein kann, sondern ihre Wurzeln immer im Eigenwillen und Ungehorsam einzelner oder ganzer Gemeinden und Denominationen hat. In diesem Sinn ist es wahrscheinlich unvermeidbar, dass es Spaltungen gibt.

Dabei ist aber zu unterscheiden, ob dahinter aufrichtige Unkenntnis der Dinge steht oder einfach nur Unwille. Ob eine Lernbereitschaft gegeben ist, oder ob man sich bereits die Lehrer ausgesucht hat, denen man vertraut. Wir sollen auch niemanden in dieser Sache richten. Wenn eine Gemeinde einen klaren Weg gehen will, und sich andere deshalb von ihr trennen, dann richten sich die betreffenden selbst. Wenn ihr Weggang aber dadurch ausgelöst wurde, dass man lieblos, hart und herablassend mit ihnen umgegangen ist, weil sie (noch) nicht derselben Meinung waren, dann liegt die Verantwortung auch (nicht nur) bei der Gemeinde.

Eine Einstellungssache

Fakt ist, dass wir alle mehr oder weniger weit weg vom Ursprung sind. Wir tragen einen Rucksack voll mit menschlichen Traditionen mit uns herum, ohne uns dessen immer bewusst zu sein. Wir sind Lernende – der Gehorsam gegenüber Christus ist nie vollständig, sondern immer anzustreben. Darum dürfen wir niemanden richten, der in manchen Punkten anderer Meinung ist als wir, sondern müssen geduldig sein miteinander (Phil 3,15). Möglicherweise ist die Erkenntnis des Bruders biblisch und unsere Meinung beruht auf menschlichen Traditionen. Möglicherweise ist es genau andersherum.

Was wir aber brauchen ist eine Offenheit gegenüber Gottes Wort und die radikale Bereitschaft, Erkanntes umzusetzen. Und zwar gemeinsam. Unsere Haltung als Gemeinde muss dahin gelangen, dass wir an einem Strang ziehen, Gottes Wort gemeinsam verwirklichen, und keinen Glaubensindividualismus leben, wo es jedem freigestellt ist, ob und bis zu welchem Grad gehorcht wird. Die Freiheit des Eigenwillens ist der Tod. Das Sterben des Eigenwillens mit Christus bewirkt jedoch ewiges Leben. Beim Herrn sind die Macht, die Herrlichkeit und das Leben in Ewigkeit. Amen.

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